Mediensprache

Ein bescheidener Vorschlag zur Reformierung des Genussystems

Wie man verhindern kann, dass geschlechtsspezifische Diskriminierung weiter fortgeschrieben wird

Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel in der Gleichstellungslinguistik. Mit der Einführung des generischen Femininums (Herr Professorin Schlobinski) für die Grundordnung der Universität Leipzig[1] zeigt sich, dass das Genussystem im Deutschen reformiert und die Soziolinguistik entsprechend differenziert werden muss.

Die Vorständin ist im neuen Rechtschreib-Duden (2013) zu lesen. Es klingt ungewohnt, aber auch der Begriff Bundeskanzlerin ist erst seit Merkels Amtsantritt in Gebrauch, während sich über Professorinnen, Professoren und Professor_innen heute niemand (mehr) wundert. Die neue Straßenverkehrsordnung ist geschlechterneutral verfasst. So heißt es im § 18, Abs. 9 der StVO vom 6. März 2013: »Zu Fuß Gehende dürfen Autobahnen nicht betreten.« Allerdings und inkonsequenterweise lautet die Überschrift von § 25 Fußgänger und nicht ,Zu-Fuß-Gehende' und von § 26 Fußgängerüberwege und nicht ,Überwege für Zu-Fuß-Gehende'.

Es ist das Verdienst der Feministischen Linguistik, auf sprachliche Ungleichheiten im Sprachgebrauch und Sprachsystem aufmerksam und sensibel gemacht und eine partielle Neutralisierung der sprachlichen Diskriminierung erreicht zu haben. Dies allerdings nicht selten zu Lasten der sprachlichen Ökonomie. Betreuer und Betreuerin, Linguist und Linguistin bilden Dubletten, die zum einen sprachlich aufwändig, zum anderen aber abgeleitete Formen beinhalten (die sog. -in-Movierung). Die Ableitungsformen sind systemlinguistisch problematisch, weil den Komplexitätsgrad unnötig erhöhend, und soziolinguistisch fragwürdig, weil nicht vollständig neutralisierend, da die Femininbildung von der maskulinen Form abgeleitet und somit das Sexus als abgeleitet begriffen werden muss. Umgekehrt gibt es Diskriminierung des Maskulinums, allerdings weniger auf der Formenebene (Hexe – Hexer) als auf der semantischen Ebene. Während im Deutschen die Sonne das feminine Genus aufweist und der Mond das maskuline, ist es im Französischen umgekehrt: le soleil, la lune. Im Deutschen ist es bei der Sonne das Weibliche, was aktiv strahlt, während der ,männliche' Mond angestrahlt und durch die Erde beschattet wird und somit einer passivischen Perspektivierung unterliegt. Und ist es nicht diskriminierend, dass alkoholische Getränke, deren übermäßiger Genuss zu taumelhaften Bewegungen und Sprachstörungen führen kann, meist das maskuline Genus aufweisen (der Whiskey, Wodka, Brandy, Schnaps, Brand, Sekt usw.), während Früchte, die süß sind und die Gesundheit stärken, eher das Femininum: die Mango, Kirsche, Birne, Melone, Kiwi, Ananas usw.? Solche semantischen Asymmetrien, wenn auch sprachspezifisch arbiträr, reflektieren eine prinzipiell diskriminierende Geschlechterperspektive. Asymmetrien dieser Art können durch einen rollenspezifischen Gebrauch des Genussystems aufgehoben werden.

Rollenspezifisch interaktionales Sprachverhalten bezüglich geschlechtsspezifischer Verwendung ist nichts Unbekanntes. Das Yana, eine mittlerweile ausgestorbene, kalifornische Indianersprache, ist für seine geschlechtsspezifische Sprachverwendung berühmt geworden. Neben spezifischen Ausdrücken, gibt es das Phänomen, dass Männer untereinander eine Sprachvariante gebrauchen, die von der Form her vollständiger und ,voller' ist (s. 1a und 2a) als wenn sie mit Frauen oder wenn Frauen untereinander oder mit Männern kommunizieren (s. 1b und 2b). So werden z.B. bestimmte Endvokale und Endsilben nicht getilgt (1a) und stimmhafte Endvokale stimmlos gesprochen (2a).

(1) a. [Ɂauna] b. [Ɂaunh] Feuer
(2) a. [padza] b. [patçḁ] Schnee (ḁ = stimmloses a)

Der berühmte Sprachwissenschaftler und Ethnologe Edward Sapir (1884–1939), der zum Yana eine Reihe von Veröffentlichungen vorgelegt hat, erklärt die geschlechts¬spezifischen Verwendungsweisen folgendermaßen: »In the great majority of cases the female forms can be best explained as abbreviated forms which in origin had nothing to do with sex but which are specialized female applications of reduced forms suggested by the phonetic and morphologic economy of the language. Possibly the reduced female forms constitute a conventionalized symbolism of the less considered or ceremonious status of women in the community. Men, in dealing with men, speak fully and deliberately; where women are concerned, one prefers a clipped style of utterance!« (Sapir 1949: 211-212). In diesem Fall ist die Formenbildung aber ebenfalls diskriminierend, da die vollen und vollständigen Formen an die Männerrolle, die reduzierten, ,abgekürzten', schwachen Formen an die Frauenrolle gebunden sind.

Was ich vorschlagen möchte, ist eine Rollenspezifik, die direkt im Sprachsystem ansetzt und im Genussystem geschlechtsspezifische Diskriminierung durch eindeutige Rollenidentifizierung neutralisiert. Jedem Substantiv wird eine Maskulin- und Femininmarkierung zugewiesen in Abhängigkeit vom Geschlecht des Sprechers. Da im Deutschen der Artikel eine wesentliche Rolle bei der Genusmarkierung spielt, wird das bestehende Nominal- und Deklinationssystem einfach beibehalten, und jedes Substantiv erhält eine maskuline und feminine Determinatorform, wobei als Ausgangspunkt die kürzeste, einfachste Form eines Substantivs genommen wird. Es ergäbe sich also folgendes einfache Sprecherrollen-Schema:

Männlicher SprecherWeiblicher Sprecher
der (Herr) Professordie (Frau) Professor
der Kanzlerdie Kanzler
der Linguistdie Linguist
der Vorstanddie Vorstand
der Fußgängerdie Fußgänger
der Manndie Mann
der Fraudie Frau
der Hexedie Hexe
der Persondie Person
der Tuntedie Tunte
der Mädchendie Mädchen
der Genusdie Genus
der Wodkadie Wodka
der Mangodie Mango
usw. 

 

Zu überlegen wäre, ob man ein Transsex-Genus einführt für Trans*-und Inter*-Personen – man könnte hier auf das Neutrum zurückgreifen, sofern dies nicht von den entsprechenden Personengruppen als diskriminierend bewertet wird. Überlegenswert ist ebenfalls, ob für den Plural eine differenzierende Determinatorform gewählt wird, also: der Mann/Männer bzw. die Mann/Männer oder die Frau/Frauen bzw. der Frau/Frauen.

Aufgrund der Gleichverteilung der Wortparadigmen wäre die Dominanz der einen oder anderen Form egalisiert, sexistisch-diskriminierender Sprachgebrauch durch die Doppelzuweisung des Determinators an die substantivische Basisform sowie Gebundenheit an die Geschlechterrolle aufgehoben.

Vorschläge, die eine Änderung des bestehenden Sprachsystems betreffen, sind nur schwer durch- und umsetzbar, die Rechtschreibreformen belegen dies auf der Ebene des orthografischen Systems. Ein solider und nachhaltiger Vorschlag, dem eine entsprechende linguistische Forschung zugrunde liegt, ist deshalb zu erarbeiten. Während aufgrund zahlreicher Korpusanalysen seitens der Feministischen Linguistik die Diskriminierung des femininen Sexus ausreichend belegt ist, fehlt ein entsprechendes Paradigma für das Komplementsexus, dem maskulinen Sexus. Analog zur Feministischen Linguistik sollte eine Maskulinistische Linguistik[2] etabliert werden, in der aus maskulinistischer Sicht das Genussystem überprüft und im Hinblick auf Sexusdiskriminierung (die Sonne vs. der Mond, s.o.) bearbeitet wird. Eine zu gleichen Teilen gebildete Forschergruppe aus Linguisten der Feministischen und Linguistinnen der Maskulinistischen Linguistik sollte in dem zu etablierenden ,Rat für geschlechtsneutrale Sprache' einen Entwurf für das geschlechtsneutrale Genussystem erarbeiten und dessen Auswirkungen auf das gesamte Grammatiksystem, auf den Erst- und Zweitspracherwerb, die Gehirnprozesse usw. erforschen. Also ein Herkulesarbeit für den Zukunft!

Anmerkungen

[1] S. http://www.heise.de/tp/artikel/39/39267/1.html

[2] Der von mir gebildete Terminus Maskulinistische Linguistik™ ist urheberechtlich geschützt und darf nur mit korrektem Verweis auf das vorliegende Dokument gebraucht werden.

Literatur

Duden 01. Die deutsche Rechtschreibung: Das umfassende Standardwerk auf der Grundlage der aktuellen amtlichen Regeln (2013). Mannheim.

Sapir, Edward (1949). "Male and female forms in speech in Yana." In: Ders., Selected Writings. Hg von David G. Mandelbaum. Berkeley, 206–212.


Peter Schlobinski

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Kommentare zu dieser Seite

Warum so kompliziert? Einfach bei den Niederländern abschauen: "de" sowohl für maskulin als auch für feminin und "het" für neutrum. Und wenn diese Unterscheidung nicht notwendig ist, einach die im Englischen: "the" ;-)
Sonntag, 23. Juni 2013 csiever