Mediensprache

Vom Duzen, Siezen und Euchzen

Die persönliche Anrede in der Online-Welt

1 Problem erkannt

Heute wurde ich, wenn ich richtig gezählt habe, 6-mal geduzt. Ich bin 40 Jahre alt, sehe aus wie 42 und fühle mich wie 44. Es handelte sich nicht um Menschen und Automaten, mit denen ich mich genderungerecht verbrüdert oder cyborgmäßig vereinigt hätte. Und wir sind im deutschsprachigen Raum, wo man jahrzehntelang nicht ohne weiteres geduzt wurde. Seit kurzem wohne und arbeite ich wieder in der Schweiz, wo man sich viel und gerne duzt. Ich mag das, man kann Vertrautheit herstellen, auf einer Ebene kommunizieren. Vielleicht wird die Bedeutung des Duzens diesbezüglich übertrieben; aber angenehm ist es ohne jeden Zweifel. Trotzdem wurde ich, wenn ich heute 6-mal geduzt wurde, 4-mal zuviel geduzt. Mindestens.

2 Hallo Brad

Um 8.30 Uhr besuche ich das studiVZ, das ein Objekt meiner Untersuchungen ist. Auf der Startseite werde ich wie üblich mit »Hallo Vorname des Pseudonyms!« begrüßt. Statt »Vorname des Pseudonyms« muss man sich natürlich einen anderen Namen denken, z.B. Brad. Seit die AGB geändert wurden, haben etliche Mitglieder des studiVZ »non-real names«, Nicknames, Fake-Namen. In einem früheren Artikel (Bendel 2007) hatte ich bezüglich des Duzens eingeräumt, dass sich das studiVZ »vor allem an Jüngere – eben an Studierende – richtet« – und ich sei ja selbst noch nicht so alt. Inzwischen bin ich älter geworden, ein oder zwei Jahre, aber dafür kann die Social-Software-Plattform wohl nichts.

 

Kurz darauf suche ich meinVZ auf, das ein Gegenstand meiner Untersuchungen werden könnte. Die Betreiber des Holtzbrinck-Konzerns haben erkannt, dass Studierende irgendwann Alumni sind und es zudem Menschen gibt, die nie studiert haben und nie studieren werden. Für all diese Noch-Nicht-, Nicht-mehr- oder Niemals-Akademiker gibt es meinVZ. Der Name ist nicht ganz konsequent, weil auch schülerVZ und studiVZ »unser VZ« sind; aber man versteht, was gemeint ist. Die Mitglieder von meinVZ sind tendenziell jung und potenziell alt. Sogar Scheintote findet man dort. Und für danach gibt es eines Tages hölleVZ. himmelVZ würde nicht so gut laufen. meinVZ duzt mich – es ist 9 Uhr – gleichermaßen.

Das Duzen greift in der Online-Welt wie ein Feuer um sich. Ein brandneues Phänomen ist das freilich nicht. Ich erinnere mich, dass man bereits vor zehn, zwanzig Jahren – ja, liebe Kinder, das Internet ist nicht eure Erfindung – fleißig geduzt hat und wurde, in Diskussionsforen (seit Ende der 70er-Jahre), in Chats (seit Ende der 80er-Jahre), in Blogs (seit Anfang der 90er-Jahre, wobei das Tool erst seit fünf, sechs, sieben Jahren im allgemeinen Bewusstsein ist). Die Online-Welt war klein, war die Kneipe, in die man regelmäßig schlenderte und in der man die Formalitäten und Formalien im Rausch des Lebens und des Wandels vergaß. Neu ist womöglich, dass die Automaten und Systeme, dass die Programme und Computer uns duzen. Wir haben uns früher dafür entschieden, dem Gegenüber das »Du« zu erlauben oder anzubieten, heute wird für uns entschieden, wird uns das »Du« angeboten, ohne dass wir das Angebot ablehnen könnten. Auf diese Entscheidung oder Abnahme der Entscheidung werde ich unten zu sprechen kommen. In E-Mails sind wir weniger informell. Die E-Mail ist immer noch eine Art Brief, auch wenn manche von uns rasant und schlampig schreiben. Ich erinnere mich an einen meiner Professoren, der absichtlich Fehler in seine E-Mails einbaute, um zu beweisen, dass man es mit einem neuartigen, schnellen Medium zu tun hat. Als Dozent bekommt man durchaus E-Mails von Studierenden, die mit »Hallo Dozent« oder »Hi« beginnen. Doch geduzt wird man selten, außer man hat das »Du« dem gesamten Kurs in einem Anflug von »Sitzen wir nicht alle in einem sinkenden Boot?« angeboten. Dann wird man auf dem Flur, wenn man mit Kolleginnen und Kollegen zusammensteht, locker von Studierenden begrüßt: »Na, Oliver, alles klar auf der Andrea Doria?« Sie denken, man sei mit Udo Lindenberg aufgewachsen. Und sie haben nicht Unrecht. Ähnlich die SMS: Wer sich siezt im nichtvirtuellen Leben, wird dies ebenso tun im mobilen, vernetzten, verteilten.

3 Traditionen werden gepflegt

Wo noch duzt man sich, abgesehen von der Kneipe, in duzfernen deutschsprachigen Ländern? An Hochschulen (Professoren ausgenommen, allenfalls unter sich), in bestimmten Unternehmen (Werbung, Medien, Musik, Internet, Rotlicht), im Sport und um den Sport herum (»Du, Boris, am Anfang lief es ja ganz gut …«), in trendigen Shops und Boutiquen (»Willst du dich gleich hier oder in der Kabine umziehen?«), in linken Parteien (»Du, Genosse …«) und überall, wo man sich vertraut und wohl und wie daheim zu fühlen hat. Duzen hat also in Deutschland, vielleicht auch in Österreich eine gewisse Tradition. Und doch war es stets Ausdruck von und in bestimmten Umgebungen. In der Schweiz ist diese Umgebung fast überall, man duzt sich von links nach rechts und die Hierarchien rauf und runter. Ich finde es, wie angedeutet, nicht schlimm, dass man sich siezen kann. Häufig trifft man auf Forderungen, das »Sie« aus der Sprache zu verbannen wie einst das »Fräulein«. Es, das winzige Wort, würde Mauern aufbauen, wo keine notwendig seien, Fremdheit erzeugen, wo keine sein sollte. Abgesehen davon, dass in manchen Sprachen nicht einfach das »Sie« fehlt, sondern dieses zwischen den Zeilen oder mit anderen Begriffen entsteht – eine kleine Mauer ist doch zuweilen ganz nett. Und wo keine Mauer ist, kann man keine einreißen, im persönlichen Umgang, als Geste der Zusammengehörigkeit.

In der Schweiz (und bei Karl May) gibt es außer dem »Du« und dem »Sie« noch das »Ihr«. »Wollt Ihr die Hausarbeit wirklich so lang haben?« Oder: »Wären Euch nicht weniger Seiten angenehmer?« Oder (Zitat): »Man sollte Euch wahrhaftig Shatterhand nennen, weil Ihr einen baumlangen und baumstarken Menschen mit einem einzigen Fausthiebe niederschmettert.« Ein deutscher Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen: Ich werde geeuchzt. Und ich muss gestehen, es hört sich gut an. Am Anfang habe ich noch hinter mich geschaut. Aber da stand niemand. Also war ich die Majestät und der Held und mit dem Plural gemeint. Nur antworten sollte man nicht mit dem »Wir«: "Wir sind der Meinung, dass wir 15 Seiten ohne Probleme lesen können.« Das würde die Studierenden unnötig verunsichern. Natürlich stellt das »Ihr« heutzutage gar keine größere Distanz her, sondern eine größere Nähe. Es ist zwischen dem »Du« und dem »Sie«, verwandt mit dem »you«.

In dem Artikel, den ich vorhin erwähnt habe, wird der Brief einer Hilfsorganisation thematisiert, in dem ich durchgehend geduzt wurde. Dem zitierten Satz geht diese Passage voraus: »Ich fand das Ganze unmoralisch, weil es sich an Kinder zu richten schien, die normalerweise selbst kein Geld haben. Allerdings stand mein Name im Briefkopf mitsamt akademischem Titel, den Kids normalerweise nicht tragen. Auf meine Nachfrage hin erklärte man mir, man wende sich keinesfalls an Kinder: »Das ›Du‹ ist gedacht als Bestandteil einer ›jungen Marke‹, vergleichbar mit dem Möbelhaus IKEA, das alle Kunden konsequent duzt.« Verstehe ich nicht, da könnte mich ja jeder duzen und sich dabei auf IKEA berufen. Außerdem kommt IKEA aus Schweden, wo man sich meinetwegen an jedem Tag im Jahr duzen kann (ich duze auch gerne, möchte es mir aber aussuchen).« Das war ein Brief, den ich in Deutschland erhalten habe. Es wäre interessant, ob er auch in der Schweiz verschickt wurde und ob man hier die gleiche Erklärung gehabt hätte.

4 Neue Konventionen tauchen auf

Das Duzen greift demnach allgemein um sich (einige Trend-Magazine behaupten zwar, das gute alte »Sie« würde allmählich zurückkehren, aber deren Redakteure lesen die falschen Studien bzw. verlassen ihre Schreibstuben nicht). In einer globalisierten Welt, könnte eine Erklärung lauten, braucht man mehr Nähe. Die Nähe wird hergestellt, indem man sich denen, die nahe sind, noch mehr nähert, und indem man den scheinbar Fernen nahe kommt. Eine globalisierte Welt spricht Englisch, und scheinbar gibt es im Englischen kein »Sie«. Man erinnere sich an den alten Witz über den Deutschen an sich (und dann über Kanzler Kohl), der zu einem Engländer oder Amerikaner sagt: »You can say you to me!« Das kann man zwar nicht so sagen, aber natürlich kennt auch das Englische sprachliche Möglichkeiten, um Nähe herzustellen und aufzuheben. Außerdem, siehe oben, ist das »you« eher ein »Ihr« als ein »Du«. Insofern wäre der Hang zum Duzen ein Bedürfnis und ein Missverständnis zugleich. Eine weitere Erklärung ist, dass es einfacher ist, den anderen zu duzen. Seit Jahrzehnten wissen wir, dass es für manche Ausländer einfacher zu sein scheint. Es wurden wunderbare Sätze wie »Was guckst du?« oder »Wo du wollen?« geboren: einfach, kurz, prägnant, duzend und verdutzend.

Die Virtualisierung scheint einen weiteren Schub ins »Du« hinein zu verursachen, nicht bloß indirekt, über den Umweg der Globalisierung, sondern direkt, über das Medium selbst. Das Medium selbst stellt Nähe her, hebt Distanzen auf, überschreitet die Grenzen von Zeit und Raum. Man schickt eine Nachricht, und ein paar Sekunden danach oder später wird sie gelesen und beantwortet. Wir sind alle an einem Ort, wir sind ein großer Organismus, wir sind alle gleich. Der Gedanke der Gleichheit rührt nicht nur daher, dass wir jederzeit überall und damit jetzt hier und dann dort sind, sondern ist genauso in der Abstraktionskraft des Mediums begründet. »Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist«, sagt in einem bekannten Bilderwitz die eine Töle zur anderen, und wo man nicht sicher sein, wo man alles und nichts sein kann, wo man nichts und niemanden sieht, wo man selbst Audio- und Videoübertragungen manipulieren könnte, da sind wir alle gleich. Und wo man gleich ist, wäre es merkwürdig, sprachlich zu differenzieren, oder etwa nicht?

11 Uhr, bei der Arbeit. Ich werde angeskypt, von einem unbekannten Mädchen, wenn man dem Profil trauen darf. Sie hat jemanden in Skype gesucht und mich gefunden. Das Missverständnis ist schnell geklärt. Nein, ich will nicht mit dir gehen, weil ich erstens nicht der bin, für den du mich hältst, weil ich zweitens zu alt für dich bin und weil ich drittens eine Partnerin habe. Wir skypen noch ein bisschen hin und her. Sie: »Also, tschüss, du!« Ich sehe ihren Kussmund des Duzens förmlich vor mir. Ich: »Pass auf dich auf.« Denn im Internet weiß niemand, ob jemand ein Hund ist. Hat sie wirklich »Willst du mit mir gehen?« gefragt? Mmh, merkwürdig … 11.30 Uhr. Ich surfe und springe herum. Auf der Website einer Firma werde ich gnadenlos geduzt. Für die Betreiber bin ich ein anonymer Besucher, sie haben keine Cookies auf meinem Rechner hinterlassen und keine Daten ausgewertet. Es handelt sich nicht um IKEA, sondern um ein deutsches Unternehmen. Sind wir wirklich alle gleich? Bin ich nicht König Kunde? Sollte ich nicht wenigstens geeuchzt werden?

5 Mittags- und Denkpause machen

»Hast du schon gewählt?« Ich sitze im Restaurant und zucke zusammen. Es ist Giovanni, nach all den Jahren habe ich ihn nicht gleich erkannt. Giovanni darf mich duzen. Er darf nachher auch fragen: »Willst du noch einen Amaretto?« Irgendwann hat er realisiert, dass ich den lieber trinke als den Grappa, den er standardmäßig den Männern anbietet, die er duzt. Ich weiß nicht, wie hoch oder tief seine Achtung mir gegenüber ist, aber mit dem Duzen hat das nichts zu tun. Während ich auf die Pizza warte, die nicht besonders gut sein wird, weil Giovanni der einzige Italiener im Lokal ist, und die nach mehreren Amarettos danach verlangt, tippe ich auf dem Handy herum. Bei den Online-Diensten bin ich fast ein wenig enttäuscht, weil ich nicht geduzt werde. Zumindest finde ich auf die Schnelle keinen Fehlgriff der Anrede. Ja, bin ich denn schon so alt? Dann erinnere ich mich daran, dass ich gar nicht geduzt werden will. Dass ich ausschließlich geduzt werden will, wenn ich geduzt werden will. Das Entscheidende für mich im Spiel des Duzens und Siezens ist nämlich und endlich, dass ich eine Entscheidung treffen kann. Ich kann im Bruchteil einer Sekunde eine kleine Mauer aufbauen, mit einem simplen Wort. Ich muss nur »Sie« sagen, schon steht die Mauer akkurat und verputzt zwischen uns. Keine syntaktischen Manöver, keine semantischen Ausflüchte. Nur »Sie«. Und wenn es zum Streit kommt, umso besser. »Sie Arschloch« klingt viel schöner als die Variante mit dem »Du«. 13 Uhr. Auf zur Arbeit.

Ich wanke an Werbeplakaten vorbei, die mich duzen. Das Schlimme ist, dass ich nicht zurückduzen kann. Wie bei den Automaten und Systemen. Ich kann mich nicht entscheiden, ich werde entschieden. Schon bei der Werbung an sich werde ich entschieden, in den Straßen, im Zug, im Tram. Und ich werde entschieden ärgerlich. Natürlich kann sich die Werbung herausreden, nicht grundsätzlich, aber anredetechnisch. Es handle sich, kann sie sagen, um eine neutrale Formulierung. So wie früher der Bürger jeder Bürger war, auch die Bürgerin. Aber genau hier sehe ich das Problem. Das Nachdenken über die Begriffe und Kategorien verändert diese. Und in einer Welt, in der man ständig über das Siezen und Duzen und Euchzen nachdenken muss, neutralisiert sich die neutrale Anrede von selbst. »Trink Coca-Cola!?« Nein, so einfach geht das nicht mehr. »Du bist Deutschland?« Von wegen.

6 Online ist offline ist online

Der Schub, den die Online-Medien verursachen: Bewegt dieser nur online etwas oder auch offline? Duzt man sich in der virtuellen Welt und wechselt dann ohne Verluste in der realen? Rührt die Zunahme des Duzens in der realen Welt von den Entwicklungen der virtuellen her? Es ist vielleicht zu früh, um darüber zu urteilen. Es würde mich aber wundern, wenn die virtuelle Sprache an dieser Stelle nicht auf die reale abfärbte (Bendel 2006). Emoticons und Akronyme haben längst Eingang in klassische Briefe gefunden, wenn es diese noch gibt, finden sich auf Notizzetteln und – in Klausuren. Das Smiley am Rand besänftigt den Dozenten, oder es macht ihn wütend. Solche Rechnungen gehen nicht immer auf, weil links und rechts neben dem Gleichheitszeichen Unvereinbares steht. Die Konvergenz zwischen den Welten nimmt auch zu, und es ist kaum vorstellbar, dass das große, laute »Du« des virtuellen Raums nicht im realen wenigstens ein Echo, ein kleines, leises »Du«, reflektiert am durchschnittlichen, willenslosen »Ich«, hervorrufen würde.

16 Uhr. Ich habe die berühmte Schweizer Zeitschrift »Du« durchgeblättert, dann die deutsche Frauenzeitschrift »FÜR SIE« (»Für sie«? Nein: »Für Sie«!), die eine Kollegin auf dem Tisch liegen hatte (dort lag außerdem, so ein Zufall, der Ratgeber »Mit meinem Ich auf Du und Du«), ich bin auf einer dubiosen Website gelandet, die »Wo bist du, Gott?« gefragt hat, und auf einer weiteren dubiosen mit der Frage »Bist du das, Gott?« (»Hey, ja, ich bin das, höchstpersönlich! Aber warum duzt du mich eigentlich?«), ich erinnere mich, wie ich als Kind Erwachsene geduzt habe und mich Erwachsene später mit »Sie, Oliver« ansprachen. Bevor ich in den letzten Büroschlaf falle, denke ich: 6-mal. 6-mal hat man mich heute geduzt.

Literatur

Bendel, Oliver (2006). E-Learning und virtuelle Sprache. In: Der Deutschunterricht, 19 (2006) 6. S. 77-82.

Bendel, Oliver (2007). Aus Grüßen und Kuscheln wird Gruscheln: Eine sprachliche Entdeckungsreise im Studiverzeichnis. <http://www.mediensprache.net/de/essays/4/> In: mediensprache.net. Hannover.


Oliver Bendel

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