Mediensprache

Wissenschaft und Internet

Buch

Forschung und Lehre findet heute nicht mehr nur in Hörsälen und Bibliotheken statt. Auch die digitale Bibliothek Internet leistet zunehmend ihren Beitrag für Forschung und Hausarbeiten. Der Newsletter des DUDEN fragt zu Recht nach der Zitierweise von Internet-Quellen und regt zum Nachdenken an: Ja, wie denn eigentlich?

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Der Internet-Roman von Gruselmeister Stephen King – The plant – macht die Situation deutlich. Denn er war ausschließlich über das Internet erhältlich. Wer aus diesem Text zitiert, muss die Quelle wie bei einem gedruckten Buch in einer Bibliografie nachweisen. Eine solche bibliografische Angabe wiederum muss alle notwendigen Informationen enthalten, damit der Text auch für andere Nutzer auffindbar, überprüfbar, sprich verwendbar ist. Gedruckte Publikationen verfügen hierfür über die Angabe des Autors, des Titels und des Publikationsortes. Darüber hinaus haben Bücher Seitenzahlen, die eine exakte Bezugnahme erlauben.

Nicht so im Internet: Veröffentlicht ein Autor einen Text im World Wide Web, so achtet in der Regel kein Verleger oder Lektor auf die Verzeichnung aller bibliografisch relevanten Daten; kein Bibliothekar verschlagwortet und archiviert das Dokument zwecks Wiederauffindbarkeit – dies müssen in der Regel Algorithmen von Suchmaschinen kompensieren.

Die Technik des World Wide Web bringt weitere Fragen mit sich: Was ist der Titel der Arbeit? Der im <title>-Tag verzeichnete oder jener im <h1>-Tag? Wie isoliert man Dateien, die in einen Frameset eingebunden sind? Wie kommt man von diesen wieder zum Frameset selbst? Die vielzitierte Freiheit des Internets zeigt unter diesem Gesichtspunkt ihre Schwäche. Wenn formale Standards nicht mehr sichergestellt sind, wird der wissenschaftlich sinnvolle Gebrauch für Hausarbeiten, Artikel oder Bücher erschwert oder gar ganz unmöglich gemacht.

Eine Frage der Form

Somit bedarf es eines Regelwerks, das mit so vielen Informationen wie nötig und so wenig Formalismen wie möglich eine verwendete Quelle aus dem Internet überprüfbar macht. Dass das Thema aktuelle Dringlichkeit besitzt, zeigte einst eine Newsletter-Meldung der Duden-Sprachberatung: "Das Internet wird als Informationsquelle immer wichtiger. Denn im World Wide Web wird nicht nur geworben: Zunehmend gibt es dort auch 'harte' Informationen. Lexikon- und Wörterbuchartikel, aber auch Dissertationen und Forschungsberichte [...]" (DUDEN Newsletter). Die Frage "Ist Ihr Text voll in Form? Zitieren aus dem Internet" beantwortet die Duden-Redaktion mit dem Hinweis auf die internationale ISO-Norm 690-2.

Diese ist jedoch eher ein Regelvorschlag als eine Regel – der Kürze der dort gegebenen Informationen steht eine große Anzahl an geforderten Angaben gegenüber. Die DIN 1505 als deutsche Norm lässt das Internet hingegen völlig außer Acht. Allein die Amerikaner warten mit zahlreichen Style-Guides auf, die in scheinbarer Ermangelung von Alternativen auch hierzulande benutzt werden. Zu den häufig gebrauchten zählen Bücher der American Psychological Association (APA), der Modern Language Association (MLA) oder von Xia Li und Nancy B. Crane. Im deutschsprachigen Raum hat sich bislang lediglich Jens Bleuel mit dem Thema auseinander gesetzt.

Einigkeit herrscht bei vielen Style-Guide[]-Autoren über die Angabe des Hinweises darauf, dass es sich um einen Text aus dem Internet handelt, etwa mit dem Einschub "Available from Internet via anonymous FTP to: [...]". Sämtliche Autoren verlangen darüber hinaus die Angabe des Download-Datums. Dass jedoch aus dieser Angabe nicht immer ein praktischer Nutzen erwächst, wird verschwiegen. Wird beim Buch das Lesedatum angegeben? Darauf käme niemand. Sinnvoller vielmehr erscheint die Angabe desjenigen Datums, an dem das Dokument im Internet gespeichert oder es zuletzt geändert worden ist. Mit diesem Datum wird nicht nur der Stand dokumentiert. Auch ein Vergleich wird damit möglich – für den folglich der Autor Sorge zu tragen hat.

Partnerschaft

Hier zeigt sich, dass die ausschließliche Frage nach einer Formel, wie Texte aus dem Internet zu zitieren sind, zu kurz greift. Zitierbar ist nur das, was von seiner formalen Anlage her all die Informationen mitbringt, die der Nutzer zum Zitieren benötigt. Dies bedeutet wiederum, dass auch die Autoren bestimmte Regeln beachten müssen, damit ihre Arbeiten für andere nutzbar sind: Publizieren und Zitieren gehen Hand in Hand.

Ein entscheidendes Kriterium für Publikationsregeln ist die Vergabe von Metadaten für das zu veröffentlichende Dokument. Diese genuin bibliothekarische Arbeit ermöglicht Suchmaschinen zunächst die Lokalisation des Dokuments (Klaus-Michael Streit: Biblioviel. Per Internet zu Bibliotheken, c't 5/00, S. 202). Ein Metadatensatz, wie etwa der des Dublin Core, beschreibt das Dokument in seinen inhaltlichen Eigenschaften (Titel, Inhalt, Autor usw.) und seiner formalen Beschaffenheit (Datenformat, Sprache des Textes etc.).

Die Einbindung dieser Metadaten erfordert einen zusätzlichen Arbeitsaufwand bei der Veröffentlichung von Internettexten. Im Gegenzuge ermöglicht sie jedoch einen wissenschaftlich angemessenen Umgang mit den so aufbereiteten Daten – darin eingeschlossen die Möglichkeit des Zitierens.

Ferner muss gefragt werden, welches Datenformat für welches Publikationsvorhaben sinnvoll ist. Wie kann bei HTML-Texten ein Ersatz für Seitenzahlen geschaffen werden? Was ist zu beachten, wenn der Text auf einem weiteren Server gespiegelt wird?

Eine adäquate Antwort auf die Frage "Wie zitiere ich das Internet?" kann also nur dann erzielt werden, wenn die 'neuen' Autoren des Internets nicht nur die Rechte ihrer Freiheit nutzen, sondern sich auch der damit verbundenen Verantwortungen bewusst sind.


Jens Runkehl & Torsten Siever

Zitierte Literatur

APA (Hg., 1994). Publication Manual of the American Psychological Association. Washington DC. mehr

Bleuel, Jens (1995). Online publizieren im Internet. Elektronische Zeitschriften und Bücher. Pfungstadt Bensheim. mehr

Gibaldi, Joseph (1999). MLA Handbook for Writers of Research Papers. New York. mehr

Li, XiaNancy B. Crane (1997). Electronic Styles. A Handbook for Citing Electonic Information. Medford. mehr

Ihre Meinung

Kommentare zu dieser Seite