Mediensprache

SMS-Texte – Alarmsignale für die Standardsprache?

Zeit

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So beginnt eine 13-jährige schottische Schülerin einen Schulaufsatz in 'SMS-Sprache', der nach einem Spiegelbericht [FN1] Sprachalarm auslöst. Lehrer sehen hierin die Zeichen eines Bildungsverfalls, der dazu führe, dass Schüler die Schriftsprache und Grammatik nicht mehr beherrschten. SMS-Schreibweisen verderbten die sprachlichen Sitten.

Die Meinung, dass Jugendliche den Sprach- und Sittenverfall befördern – dies hat Tradition. Jugendsprache sei ein »Jargon einer bestimmten Sondergruppe«, der den »größeren und wertvolleren Teil der Jugend erniedrigt und beleidigt«, schreibt der bekannte Lexikograph Heinz Küpper Anfang der 60iger Jahre, der in seinem Wörterbuch der deutschen Umgangssprache Wörter eben dieses »Jargons« als »halbwüchsigensprachlich« markiert. Die Negativbilder werden noch verstärkt, wenn Wörterbücher erscheinen wie das aus den 80iger Jahren von Eike Schönfeld, in dem »Jugend- und Knastsprache« in Zusammenhang gebracht wird, was »damit zu tun [hat], daß beide Gruppen am Rande der »normalen« Gesellschaft [stehen] und ihre Randstellung auch in Worten, in einem anderen Sprachgebrauch, zum Ausdruck [bringen]«. Zu Beginn des 21. Jahrhundert nun gibt es eine neue Variante des durch Jugendliche bedingten Sprachverfalls: die neuen Kommunikationstechnologien in den Händen der Kids.

Bereits die internetbasierte Chatkommunikation war in das Blickfeld kritischer Sprachwächter gerückt, allerdings war und ist diese Kommunikationspraxis auf marginale Gruppen der Gesellschaft beschränkt. Anders die mobilfunkbasierte Kommunikation. Keine andere Kommunikationstechnologie hat sich in den modernen Industriegesellschaften derart schnell durchgesetzt wie die mobilfunkbasierte. Das erste 'echte' Handy kam 1987 auf den Markt, doch erst 1992 explodierte der Mobilfunkmarkt mit der Einführung des GMS-Standards. Heute liegt die Zahl der Mobiltelefon-Besitzer derzeit weltweit bei ca. 700 Millionen. In Deutschland sind heute von den 12- bis 13-jährigen bereits 42 Prozent Handy-Besitzer. Der Focus widmete im letzten Jahres der »SMS-Generation« eine Titelgeschichte, denn das Verschicken von SMS-Botschaften scheint der beliebteste Sport von Jugendlichen zu sein.

Die Geschichte des SMS-Angebots ist eine Erfolgsstory ohnegleichen. Die erste SMS wurde im Dezember 1992 in England verschickt, 1994 brachte Nokia das erste SMS-Handy auf den Markt und das Verschicken von Kurzmitteilungen war zunächst eine kostenfreie Zusatzfunktion. Heute werden in Deutschland monatlich »etwa 2,1 Milliarden SMS verschickt – mit steigender Tendenz« wie die Zeitschrift my handy in ihrer zweiten Ausgabe diesen Jahres feststellt. Und nicht nur in Deutschland sind SMS-Texte in. In Japan wurde die erste Kurznachricht im Juni 1997 verschickt, seitdem hat sich das Versenden von Textbotschaften über das Handy ebenfalls rasant entwickelt. In einem Zeitungsbericht der Tageszeitung Mainichi shinbun vom 24. 08. 2000 war zu lesen, dass es sich bei der »Handysprache« besonders bei der jüngeren Generation um eine Art »Tippsprache« handelt, nach dem Motto »Bis der Daumen schwillt!«.

Keine Frage also: Das Versenden von SMS-Kurzmitteilungen hat sich weltweit durchgesetzt. Doch sind die Texte so kryptisch, wie der eingangs zitierte Text nahe legt? Gebrauchen Jugendliche eine SMS-Sondersprache, wenn sie 'simsen' bzw. 'smsen'? Alle Untersuchungen zeigen, dass dem nicht so ist. Zwar gibt Abweichungen von der Standardorthographie wie die konsequente Klein- oder Großschreibungen, es gibt Abkürzungen wie hdl[] 'hab dich lieb', GUK 'Gruß und Kuss' oder i für 'ich' und a für 'auf', die Texte sind kurz und einfach und sie weisen sprechsprachliche Elemente und besondere graphostilistische Mittel auf wie den Smiley [-:)]:

ja,hab ich nur gerad net dran gedacht

:-( EIN RABENSCHWARZER TAG HEUTE :-( WERDS IHM AUSRICHTEN :-( ALLES KLAR BEI DIR? FREUE MICH AUF UNSER DATE AM FR :-) EINEN STRESSFREIEN TAG WÜNSCHE ICH, GUK, ME

SMS-Mitteilungen sind einerseits schriftbasiert, andererseits aber in starkem Maße konzeptuell mündlich. Prosodische und nonverbale Merkmale, die in der Face-to-Face-Kommunikation relevant sind, müssen besonders dargestellt werden. Und: Aufgrund der Zeichenbegrenzung und den Eingabebedingungen folgen die 'Simser' in der Regel dem Prinzip der Sprachökonomie: Kommuniziere so viel Information wie möglich in unter 160 Zeichen so, dass der Tippaufwand möglichst gering ist. Die Texte sind keineswegs unverständlich, sondern Ausdruck funktionaler Schreibprozesse. Dies bedeutet nicht, dass der Schreiber nicht anders schreiben kann, sondern vielmehr, dass er so schreibt, wie es vor dem Hintergrund der technischen Voraussetzungen kommunikativ erforderlich ist.

Die Auswirkungen neuer Kommunikationstechnologien auf die Sprach- und Kommunikationsgemeinschaften moderner Gesellschaften sind sicherlich schwer zu prognostizieren. Neue Kommunikationstechnologien integrieren die Welt in globale Netzwerke, die den Einzelnen an einer technokulturell geformten Kommunikationsgemeinschaft teilhaben lassen. Technologische Innovationen wie die mobilfunkbasierte Kommunikations- und Informationstechnologie erzwingt bei ihren Kommunikationsteilhabern eine Anpassung an ihre Logik, an die technischen Voraussetzungen, an ihre voreingestellten Muster und Parameter, an ihre Kodierung und Dekodierung. Sie hat Auswirkungen auf globalisierte Kommunikationszusammenhänge, aber auch auf lokale Sprach- und Kommunikationsgemeinschaften.

Unter einer größeren historischen Perspektive scheint der Vergleich mit den Folgen des Buchdrucks in einer gewissen Hinsicht nicht unangemessen. Michael Giesecke hat in seiner Arbeit zu den Auswirkungen des Buchdrucks in der frühen Neuzeit gezeigt, dass die im Zeitalter des Buchdrucks in Europa geschaffenen Sprachen sich letztlich als Kodierungsanweisungen für die Informationsspeicherung und -verbreitung in den neuen, nationalen typographischen Systemen erweisen. Und man bezeichnete die neuen Sprachen, wie Giesecke ausführt, »wegen ihrer Zurichtung auf die technischen Parameter denn ja auch zutreffend als 'Kunstsprachen' (Schottel) und in jüngerer Zeit als Standardsprachen.« Giesecke stellt nun die These auf, dass erst im Zuge der Entwicklung einer neueren Generation von technologischen Informations- und Kommunikationssystemen die Standardsprache gegenüber den für die neueren Systeme geschaffenen Computersprachen an Natürlichkeit wiedergewinnt, und er bezeichnet dies als »Renaturalisierung«. Betrachtet man nun internet- und mobilfunkbasierte Schriftkommunikation, so lässt sich eine zweite, andere Art von Renaturalisierung erkennen: Die Standardsprachen als ursprünglich notwendige Standarddruck- bzw. Standarddruckschriftsprachen werden neu und verändert gebraucht in schriftbasierten, aber konzeptuell mündlichen Kommunikationssystemen. Schriftsprache kommt unter den Druck 'emulierter' Mündlichkeit. Dies ist die eine Seite der Medaille. Die anderen Seite ist die zunehmende Abkehr vom orthographisch fundierten Zeichensystem bei gleichzeitiger Hinwendung zu grafischen Zeichensystemen; in Japan werden neben den Smileys besondere Bildzeichen (Emoji) in den SMS-Fließtext integriert. Indem Schriftsprache als standardisierte Sprache derart von zwei Seiten in die Zange genommen wird – durch die gesprochene Sprache und durch Visualisierungstechniken, und das Einfallstor sind hierbei neue Textsorten und Mediengenres der 2. Gutenberg-Revolution – unterliegen Sprachnormen einem enorm zunehmenden Druck, der die Sprachvariation erhöht. Hieraus können möglicherweise auch Sprachwandelprozesse resultieren. Allerdings finden diese nicht außerhalb des deutschen Sprachsystems und kommunikativer Notwendigkeiten statt, sondern auf der Folie der deutschen Grammatik und gemeinsam geteilten Kommunikationswissens. Insofern ist nicht zu befürchten, dass SMS-Texte eine Geheimsprache forcieren, deren 'Entschlüsselung' Schwierigkeiten bereitet und die zum rasanten Verfall der Standardsprache führen könnte.

Anmerkungen

FN1: Bericht siehe hier. Die 'Übersetzung' lautet: My summer holidays were a complete waste of time. Before, we used to go to New York to see my brother, his girlfriend and their three screaming kids face to face. I love New York, it's a great place. But my parents were so worried because of the terrorism attack on September 11 that they decided to stay in Scotland and spend two weeks up north.


Peter Schlobinski

Ihre Meinung

Kommentare zu dieser Seite

geil
Freitag, 21. Januar 2011 Gast
Cedi-Gee schriebt ein aufsatz m sms spr ! LOL afk moruk
Donnerstag, 9. Dezember 2010 Gast
... tolle kleine Abhandlung, sehr interessant bzw. gedanklich "anregend"! mfg cu asap ^^
Montag, 18. Januar 2010 Gast