Linguistik

Syntax: Ellipsen

El Lingo - Tutor und ein wenig oberlehrerhaft. ;-)

Die Definition des Konzepts der Ellipse ist ein notorisch schwieriges Problem (vgl. Busler/Schlobinski 1997). Als Ellipsen (griechisch έλλειψις, élleipsis 'das Fehlen, die Aussparung, Auslassung') bezeichnet man die Reduktion einer sprachlichen Struktur durch Weglassen einer oder mehrerer Elemente eines Satzes. Sprecher neigen zu ökonomischen Formulierungen, um Zeit und kognitiven Aufwand einzusparen.

Von der elliptischen Struktur ausgehend kann die Vollform allerdings nicht immer rekonstruiert werden. Wir unterscheiden daher zwischen operationablen und nicht-operationablen Ellipsen. Erstere sind eindeutig auf eine Vollform zurückzuführen. Dies ist bei den syntaktischen Ellipsen im Bereich der Phrasen- und der Satzkoordination der Fall.

Wir kommen vorbei und sehen uns das Spiel an.
Wir kommen vorbei und wir sehen uns das Spiel an.

Bei letzteren sind Vollformen zwar vorstellbar, aber nicht eindeutig. Dies trifft sowohl für Handlungsellipsen als auch für einige Adjazenzellipsen zu.

Feuer!
Hier ist Feuer/Hier brennt ein Feuer!/Ich hätte gern Feuer! usw.

A: Was darf´s denn sein?
B: Blumenkohl./Es darf Blumenkohl sein./Blumenkohl darf es sein./Ich hätte gern Blumenkohl. usw.

Busler/Schlobinski unterscheiden folgende Ellipsentypen.

Ellipsentypen nach Busler/Schlobinski (1997)

Hinzu kommt die textsortenspezifische Ellipse in Rhetorik, Zeitung, Chat oder SMS

Ende gut, alles gut!
EU-Diskussionen abgeschlossen.
Tragischer Unfall: Frau erschossen.
Treffen morgen?

Bühler fasst unter den Begriff Ellipse nur solche Konstruktionen, denen eine vollständige Satzstruktur zugrunde liegt; d.h. nach seiner Definition sind nur Koordinationsellipsen und eindeutig operationable Adjazenzellipsen wahre Ellipsen.

Frank schläft oben und Bernd unten.

A: Kommst du heute Abend mit?
B: Komm ich.

A: Paul kommt aus Hamburg.
B: Nein, aus Koblenz.

Die IDS-Grammatik (Zifonun et al. 1997) geht dagegen gar nicht von dem Konzept der Vollformen aus und versteht Ellipsen entsprechend auch nicht als Reduktionen, sondern als kommunikative Minimaleinheiten, die in ihrer kleinstmöglichen Form als Responsiv auftreten. Gerade für den Bereich der nicht-operationablen Ellipsen ist dieser Ansatz besonders fruchtbar, so dass wir später noch darauf zurückkommen.

Koordinationsellipsen

Koordinationsellipse

Wenn in einer Koordination das gleiche Element mehrmals auftritt, wird es oftmals nur einmal ausformuliert. Geschieht das auf Ebene der NP, sprechen wir von Phrasenkoordination.

Die rote und die schwarze Katze dösen. (Phrasenkoordination)

Es können auch mehrere Elemente weggelassen werden.

Die rote Katze döst und die schwarze auch. (Satzkoordination)

Ist das finite Verb das getilgte Element im zweiten Satz, so sprechen wir von Satzkoordination. Stimmen die Personalendungen des Verbs in Satz 1 und Satz 2 nicht überein, sinkt die Akzeptanz gegenüber der fraglichen Koordinationsellipse.

Ich gehe heute ins Theater, meine Frau aber _ ins Konzert.

Die Verbform kann sich auch im Numerus unterscheiden:

Was helfen ihm die Wissenschaften und was _ die Kunst?
Die Überwachung der Grenze wurde verstärkt und die Personenkontrollen _ ausgeweitet.

Wenn das Verb sich in seinem Valenzverhalten oder in seinem semantischen Gehalt unterscheidet, kann nicht ohne Sinnverlust oder Sinnveränderung getilgt werden. In der Rhetorik wird dieser Spezialfall als Zeugma bezeichnet.

Die Uhr schlug Mitternacht und der Mann auf den Tisch.

Nicht-operationable Ellipsen

Nicht-operationable Ellipsen

Im Beispiel Meinem Bruder einen doppelten. wurden verschiedene Tilgungen durchgeführt. Die Vollform kann nicht eindeutig bestimmt werden. Eine Deutung als Handlungsellipse scheint im entsprechenden situativen Kontext (Wirtshaus, Volksfest) sinnvoll. Die Bestellung wird aufgegeben, Meinem Bruder einen doppelten richtet sich an die Bedienung und muss nicht weiter erläutert werden; der Kontext spricht für sich. Denkbare Vollformen wären dann:

Bringen Sie meinem Bruder einen doppelten Korn./Meinem Bruder sollst Du einen doppelten Schnaps bringen. usw.

Die Deutung als Adjazenzellipse ist ebenfalls denkbar, sofern ein Dialog mit der Bedienung vorausging.

B: Wem soll ich einen Schnaps bringen?
G: Meinem Bruder einen doppelten.

Äußerungen, die in einem entsprechenden Kontext pragmatische Bedeutung haben (vgl. Busler/Schlobinski: Spechhandlungsellipsen), fasst Bühler nicht als Ellipsen, sondern als "Sprachinseln" oder empraktische Nennung:

Im Café: einen schwarzen!

Allerdings stellt sich bei dieser Interpretation die Frage, warum einen schwarzen im Akkusativ steht. An solchen Problemen zeigt sich, wie problematisch das Konzept der Vollformen bei bestimmten Ellipsentypen ist. Auch knappen Äußerungen liegt eine syntaktische Konstruktion zugrunde (vgl. Klein 1993).

Im Café: widerlich!

=> Dieser Kaffee schmeckt ja widerlich.
=> Schmeckt ja widerlich.

Aber nicht:
=> *Dieser Kaffe ja widerlich.
=> *Widerlich schmeckt.

Entsprechend kann nicht von einfachen Sprachgesten ‒ wie von Bühler vorgeschlagen ‒ ausgegangen werden, da auch sie syntaktischen Regeln unterworfen sind.

Die IDS-Grammatik (Zifonun et al. 1997) schlägt eine Einteilung der kommunikativen Minimaleinheiten nach pragmatischen Kriterien vor.

a) Die Person-Ellipse bezieht sich auf die Gesprächsteilnehmer. Das Subjekt fällt weg:

Hast gut aufgepasst?

b) Die Ereignis-Ellipse bezieht sich auf die geteilten Erfahrungen der Dialogpartner (oft idiomatisiert):

Kann ich auch.
Bringt nichts.

c) Die Objekt-Ellipse nimmt Bezug auf das getilgte Objekt:

Ist der super.

Wie Busler/Schlobinski (1997) differenzieren auch Zifonun et al. (1997) zwischen direktiven, assertiven und expressiven kommunikativen Minimaleinheiten.

Komm! (Anweisung zur Handlung: direktiv)
Achtzehnhundertdrei. (Behauptungen, Beschreibungen: assertiv)
Hunger! (persönliche Disposition des Sprechers: expressiv)

Darüber hinaus kennen sie die phatische Ellipse zur Turn-Übergabe im Sinne einer Komplettierung des Turns von Sprecher 1 durch Sprecher 2.

Sprecher 1: Hm das hab' ich mir schon fast.
Sprecher 2: Ja nee das war ja klar, dass der Peter da gewesen ist.

Statt des Terminus' der textsortenspezifischen Ellipse verwenden Zifonun et al. den der Struktur-Ellipse, die nur durch "Rückgriff auf sprachliches Wissen und spezifisches Welt- bzw. interaktionsgeschichtliches Wissen verstehbar ist" (Zifonun et al. 1997: 433).

Satzbrüche (Anakoluthe) werden in der Regel nicht zu den Ellipsen gezählt, da sie prosodisch anders realisiert werden.

Und mit dem Mistkerl war ich ... (Sprechpause)

Grenzfälle sind Formulierungen, bei denen dem Sprecher von Anfang an klar ist, dass er den Satz nicht beenden wird (Satzabbrüche, Aposiopesen).

Du kannst mich mal ...!

Ellipsen bedürfen einer interdisziplinären Betrachtung (Syntax, Pragmatik, Soziolinguistik, Textlinguistik, Psychologie), denn die Frage, inwiefern fragmentarische Äußerungen im Alltag adäquat interpretiert werden können, ist noch nicht hinreichend geklärt. Eine adäquate und tragfähige Theorie steht noch aus.

 

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Übung zu Ellipsen starten

Überblick über alle Specials

Einstieg: Was ist Syntax überhaupt?


Netaya Lotze

Zitierte Literatur

Bühler, Karl (1982). Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Stuttgart New York. mehr

Busler, ChristinePeter Schlobinskim (1997). »'Was er (schon) (...) konstruieren kann – das sieht er (oft auch) als Ellipse an.' Über 'Ellipsen', syntaktische Formate und Wissensstrukturen«. Aufsatz im Sammelband Syntax des gesprochenen Deutsch. online lesbar

Klein, Wolfgang (1993). »Ellipse«. Aufsatz im Sammelband Syntax. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. mehr

Zifonun, GiselaLudger HoffmannBruno Strecker (1997). Grammatik der deutschen Sprache. 3 Bände. Berlin New York. mehr

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