Linguistik

Syntax: Einfacher Satz

El Lingo - Tutor und ein wenig oberlehrerhaft. ;-)

Konstituentenstrukturen als Baumgraphen

Konstituenten können mittels der in 2.3 angesprochenen Verfahren ermittelt werden. Ihnen liegt das Prinzip der Dependenz und Rektion zu Grunde. Diese syntagmatischen Relationen halten die Konstituenten im Kern zusammen. Dadurch können wir Wörter im Satz in Gruppen oder zu Phrasen zusammenfassen, die einander neben- oder untergeordnet werden. So wird die Konstituentenstruktur eines Satzes festgelegt. Das Prinzip der Verbvalenz wirkt auf der Ebene des ganzen Satzes und koordiniert die Konstituenten. In Abhängigkeit von der Verbvalenz können die syntaktischen Relationen der Konstituenten zueinander bestimmt werden.

In der linguistischen Tradition sind verschieden Versuche unternommen worden, die Konstituentenstruktur von Sätzen grafisch darzustellen. Am prominentesten ist wohl die X-bar-Theorie von Noam Chomsky, die davon ausgeht, dass von einem bestimmten Syntagma unterschiedliche Ableitungen gebildet werden können, die als binäre Baumstrukturen abgebildet werden können. Diesem Gedanken liegt eine strikte Trennung von Nominalphrase (NP) und Verbalphrase (VP) zugrunde.

Binäre Baumstruktur

Weitere unterschiedliche Formen der Darstellung finden sich in anderen Grammatiken.

Grundsätzlich wird versucht zu zeigen, inwiefern Gruppen von Wörtern im Hinblick auf Dependenz und Rektionsverhältnisse zusammengefasst werden können.

So kann man sich zum Beispiel auch mit der gleichermaßen einfachen Klammerschreibweise behelfen.

[[[The][voters]][[sought][[the][[safety][[of][[the][center]]]]]]

Übersichtlicher und informativer ist die Darstellung als Baumgraph. Baumgraphen sind dann hilfreich, wenn man ausdrücken möchte, wie ein Element einer Struktur unter- oder nebengeordnet ist. Solche Strukturbäume sind aufgebaut wie folgt:

Baumgraph

Man kann sich einen Baumgraphen als umgedrehten Baum vorstellen, von dessen Wurzel ausgehend, sich die unterschiedlichen Strukturen verzweigen. »Astgabeln« stellen Knotenpunkte dar. Übergeordnete Knoten nennt man Mutterknoten untergeordnete Knoten werden als deren Kinder bezeichnet. Knoten, die einander auf der gleichen Ebene nebengeordnet sind, nennt man Schwesterknoten. Knoten, die einen Endpunkt in der Struktur darstellen, werden terminale Knoten genannt. Die Verbindungen zwischen den Knoten bezeichnet man als Kanten des Baums.

Binäre Bäume sehen nur Verzweigungen in zwei Richtungen vor. Eisenberg (2006) erlaubt in seinem Darstellungssystem für das Deutsche auch Mehrfachverzweigungen.

Mehrfachverzweigungen

Im E-Tutorium orientieren wir uns an Eisenbergs Form der Darstellung. Von der Bezeichnung Gruppe anstelle von Phrase sehen wir jedoch ab. Syntaktische Relationen werden in Form von Pfeilen dargestellt.

Nominalgruppe nach Eisenberg (2006)

Überschneidungen bei diskontinuierlichen Konstituenten sind in der Darstellung möglich.

Überschneidungen bei diskontinuierlichen Konstituenten

Entsprechend ergeben sich komplexe Baumgraphen, sobald man ganze Sätze mit zahlreichen Satzgliedern und Attributen analysiert.

Beispiel (aus Eisenberg 2006): Die beste Mannschaft aus Europa hat bei der WM ihre Anhänger enttäuscht.

Komplexe Konstituentenstruktur nach Eisenberg (2006) mit mehreren Satzgliedern und Attributen

 

Konstituentenstrukturanalyse

Einen Satz mittels einer Konstituentenstrukturanalyse zu erfassen, um so etwas über seine strukturelle Beschaffenheit aussagen zu können, ist nicht trivial. Hier einige Tipps zur systematischen Herangehensweise:

1. Die Wortart jedes einzelnen Wortes bestimmen.

2. Die einzelnen Wörter schrittweise zu größeren Konstituenten zusammenfügen. Benennen Sie die dabei entstehenden Phrasenkategorien.

3. Bei Attributen: Mit einem Pfeil zeigen, auf welches Bezugswort sich das Attribut bezieht.

4. Bei Satzgliedern: Die Ergänzungen mit einem Pfeil auf das Verb beziehen, von dem sie gefordert werden. Fassen Sie Verb/Verbalphrase und Ergänzungen unter einem Satzknoten zusammen. Dies wäre dann die erste Satzebene.

5. Bei Satzgliedern: Wenn Angaben im Satz auftreten, wird eine zweite Satzebene angesetzt! Die Angaben beziehen sich nämlich nicht nur auf das Verb/die Verbalphrase, sondern auf [Verb/Verbalphrase + Ergänzungen] als Gesamtheit. Ob es sich um eine Ergänzung (ein Komplement) oder um eine Angabe (ein Adjunkt) handelt, kann man mittels eines einfachen Tests herausbekommen.
Angaben, nicht aber Ergänzungen, können zu einem ganzen Satz umgeformt werden:

Karl liest die Zeitung auf dem Bahnsteig.

=> Karl liest, und das geschieht auf dem Bahnsteig. (=> Angabe)
=> *Karl liest, und das geschieht der Zeitung. (=> Ergänzung)

Daraus folgt:
die Zeitung
= Ergänzung
auf dem Bahnsteig
= Angabe

(Test aus Pittner/Berman (2008): 48)

Für Satzadverbiale und Konjunktionaladverbiale passt hingegen die Paraphrase Es ist ANGABE so, dass... manchmal besser:

Sie sind möglicherweise nach Monako verreist.

=> Es ist möglicherweise so, dass sie nach Monako verreist sind
=> *Es ist nach Monako so, dass sie möglicherweise verreist sind.

Daraus folgt:
nach Monako
= Ergänzung
möglicherweise
= Angabe

(Test aus Van der Elst/Habermann 1997, Kap. 2.2.1: Kriterien zur Unterscheidung von Ergänzungen und Angaben)

Die Angaben können also als eigene Prädikationen (Sätze) verstanden werden, sind aber gleichzeitig Bestimmungen zum Satz. Deshalb werden die Angaben mit einem Pfeil auf den Satzknoten der Ergänzungsebene bezogen. Danach werden dieser Satzknoten und die Angabe auf einer zweiten Satzebene zusammengefasst.

Satzadverbiale

 

Literaturempfehlungen

Van der Elst et al.: Kap. 1 Der Satz
Eisenberg Bd. 2: Kap. 2.2 Syntaktische Strukturen; Kap. 2.3 Syntaktische Relationen
Dürr/Schlobinski: Kap. 4.1

Quellennachweis

Die Grafiken sind Dürr/Schlobinski (2006) und Eisenberg (2006) entnommen.

 

Weitere Informationen

Lesen Sie mehr zum Satz zu den Themen

komplexer Satz

Satzdefinitionen – was ist ein Satz?

Syntagmatische und paradigmatische Beziehungen

Konstituenten und ihre Bestimmung


Maria Alm & Netaya Lotze

Zitierte Literatur

Dürr, MichaelPeter Schlobinskim (2006). Deskriptive Linguistik. Grundlagen und Methoden. Göttingen. mehr

Eisenberg, Peter (2006). Grundriß der deutschen Grammatik. Band 2: Der Satz. Stuttgart. mehr

Elst, Gaston van derMechthild Habermann (1997). Syntaktische Analyse. Erlangen et al. mehr

Pittner, KarinJudith Berman (2008). Deutsche Syntax. Ein Arbeitsbuch. Tübingen. mehr

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