Linguistik

Syntax: Chomskys Generative Grammatik

Das Paradigma der generativen Grammatik, das von dem wohl bedeutendsten Sprachwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Noam Chomsky, entwickelt worden ist, hat wie kein anderes Paradigma die moderne Linguistik sowie sprach- und grammatiktheoretische Konzeptionen beeinflusst und zu kontroversen Diskussionen geführt. Chomsky, geboren am 7.12.1928 in Philadelphia, studierte Linguistik, Mathematik und Philosophie und ist ein Schüler von Zellig Harris, bei dem er 1951 sein linguistisches Studium mit einer morphologischen Untersuchung zum Neuhebräischen im Rahmen distributioneller Analysen abschloss. Von 1955 arbeitete Chomsky am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Das, was mit dem Label 'Generative Grammatik' etikettiert wird, ist ein Modell, das 1957 etabliert wurde, zunächst auf syntaktische Phänomene beschränkt war und seitdem in verschiedenen, von der ursprünglichen Konzeption abweichenden Varianten vorliegt und den Ausgangspunkt anderer grammatiktheoretischer Konzeptionen gebildet hat. Die Entwicklung der generativen Grammatik lässt sich in vier grundlegende Phasen aufteilen: 1. frühe Transformationsgrammatik (1955-1964), 2. Standardtheorie (1965-70), 3. Erweiterte Standardtheorie [EST] (1967-1980) und das Konzept der Modularität und 4. Government and Binding [GB] (seit 1980), parametrisierte Prinzipien bis hin zur Erweiterung hinsichtlich Ökonomiebedingungen im sog. 'Minimalistischem Programm' [MP] seit 1995.

Es sind zunächst zwei Grundannahmen, die für die generative Grammatik konstitutiv sind. Zum einen werden Ableitungsmechanismen sprachlichen Strukturen zugrunde gelegt, die über Regeln, die sich als Algorithmen fassen lassen, definiert werden können. Ziel ist es, in einer Menge von Sätzen grammatische Strukturen von umgrammatischen zu scheiden: "From now on I will consider a language to be a set[] of (finite or infinite) sentences, each finite in length and constructed out of a finite set of elements. [...] The fundamental aim in the linguistic analysis of a language L is to separate the grammatical sequences which are the sentences of L from the ungrammatical sequences which are not sentences of L and to study the structure of the grammatical sequences. The grammar of L will thus be a device that generates all of the grammatical sequences of L and none of the ungrammatical ones." (Chomsky 1957: 13).

Zum zweiten führt Chomsky die grundlegende Unterscheidung in Kompetenz und Performanz ein. Sprachkompetenz ist "die Kenntnis des Sprecher-Hörers von seiner Sprache" (Chomsky 1978: 14), Sprachverwendung "der aktuelle Gebrauch von Sprache in konkreten Situationen" (ebd.). Damit ist die sog. mentalistische Sprachauffassung begründet, da eine Sprachtheorie um "die Aufdeckung einer mentalen Realität, die dem aktuellen Verhalten zugrunde liegt, bemüht ist" (ebd.). Mentalistische Linguistik ist also theoretische Linguistik, "die Daten aus der Sprachverwendung [...] benutzt, um die Sprach-Kompetenz zu bestimmen, wobei letztere als der primäre Untersuchungsgegenstand zu bestimmen ist" (ebd., S. 241).

Die generative Grammatik knüpft zunächst an das Automatenmodell an, erweitert dieses aber um eine mentalistische Fundierung, indem sprachliche Kenntnissysteme als der originäre Untersuchungsgegenstand definiert werden. Es sind zwei Argumente, die Chomsky immer wieder für das Mentalismus-Programm anführt:

  1. Das Argument der Kreativität. Wie ist es möglich zu erklären, dass der Mensch immer wieder neue Sätze produziert, dass mit endlichen Mitteln unendliche Realisierungen erzeugt werden können?
  2. Das Argument der defizienten Erfahrung im Erstspracherwerb. Wie kann ein Kind Sätze produzieren, die es noch nie zuvor gehört hat? Der Spracherwerb kann nicht aus dem Dateninput begründet werden. Deshalb verfügt das Kind "über eine angeborene Theorie potentieller struktureller Beschreibungen" (Chomsky 1978: 49), es kommt mit bestimmten angeborenen grammatischen Prinzipien auf die Welt.

Chomskys Programm der Sprachwissenschaft und seine Sprachtheorie haben zum Gegenstand das Verhältnis von Sprache und Kognition, von Sprache und Spracherwerb, Mechanismen der Sprachgenerierung und generierten Strukturen. Er versteht Linguistik (zunächst) "als den Teil der Psychologie, der sich auf einen spezifischen kognitiven Bereich und ein spezifisches geistiges Vermögen konzentriert, nämlich auf das Sprachvermögen." (Chomsky 1981: 11-12) Chomskys Programm wird in der sog. Universalgrammatik (UG) ausgeweitet und biologisch fundiert.

Die Universalgrammatik befasst sich mit der Untersuchung der sog. 'language faculty', die als biologische Komponente angesetzt wird. "The faculty of language can reasonably be regarded as a 'language organ' in the sense in which scientists speak of the visual system, or immune system, or circulatory system, as organs of the body. [...] We assume further that the language organ is like others in that its basic character is an expression of the genes." (Chomsky 2000: 4)

Gegenstand der Sprachwissenschaft sind nach Chomsky also nicht die externen sprachlichen Strukturen, sondern es ist die 'internalized language': "The I-language [...] is some element of the mind of the person who knows the language, acquired by the learner, and used by the speaker-hearer" (Chomsky 1986: 22). I-language ist definiert als "[...] the generative procedure that forms structural descriptions (SDs), each a complex of phonetic, semantic, and structural properties. Call this procedure an I-language, a term chosen to indicate that this conception of language is internal, individual, and intensional [...]" (Chomsky 2000: 26). Sprachwissenschaft ist folglich kein autonomes Wissenschaftsgebiet, sondern ein Teilgebiet der Biologie: "Linguistics, conceived as the study of I-language [...] becomes part of psychology, ultimately biology" (Chomsky 1986: 27). Die Hauptaufgabe der "Sprachwissenschaft" besteht nunmehr darin, "to find the basic elements of I-language" (ebd., S. 51). Die Frage nach der Analyse von natürlichen Sprachen wird ersetzt durch die Frage nach (mentalen) sprachlichen Wissenssystemen.

Chomskys mentalistische Sprachauffassung ist von anderen Paradigmen her kritisiert worden und weiterhin Gegenstand heftiger Kontroversen.

 

Literaturhinweis:

Chomsky, Noan (1959). "Rezension von: B.F. Skinner, Verbal Behavior." In: Language 35: 26-58.


Peter Schlobinski

Zitierte Literatur

Chomsky, Noam (1957). Syntactic Structures. Den Haag. mehr

Chomsky, Noam (1987). Aspekte der Syntax-Theorie. Frankfurt am Main. mehr

Chomsky, Noam (2000). New Horizons in the Study of Language and Mind. Cambridge. mehr

Chomsky, Noam (1986). Knowledge of Language. Its Nature, Origin, and Use. New York. mehr

Chomsky, Noam (1981). Regeln und Repräsentationen. Frankfurt/M. mehr

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Kommentare zu dieser Seite

sehr informativ, danke!
Montag, 9. November 2009 Gast