Generative Grammatik: Einleitung
Grammatik gliedert sich traditionell in zwei Teile: Morphologie (Formenlehre) und Syntax (Satzlehre). Die Morphologie befasst sich mit dem Aufbau und der Interpretation von Wörtern. Was bedeutet das? Wer etwa die Morphologie des Deutschen beherrscht, weiß, dass sich Wörter oft in kleinere Einheiten (Morpheme) zerlegen lassen. Ein Wort wie anruft setzt sich zum Beispiel wie folgt zusammen: (1) | an- | ruf- | t | | Präfix | Stamm | 3.Ps.Sg |
Die Syntax befasst sich mit der Frage, wie sich Sätze aus Wörtern zusammensetzen. Wer die Syntax des Deutschen kennt, weiß, dass die Wortstellung in dieser Sprache recht frei ist, dass aber im unbetonten Fall im Nebensatz das Subjekt dem Objekt und das Objekt dem Verb vorangeht: (2) | weil | Ron | Harry | anruft. | | Konjunktion | Subjekt | Objekt | Verb |
Wenn man eine Sprache als Muttersprache spricht, kennt nicht nur die Morpheme, aus denen sich die Wörter zusammensetzen, man kennt nicht nur die Glieder, aus denen sich ein Satz zusammensetzt, man kann überdies zusammengesetzte Wörter und Sätze interpretieren. Wenn man die Grammatik des Deutschen kennt, weiß man, dass in einem Kirschkuchen Kirschen, in einem Hundekuchen aber keine Hunde enthalten sind. Man weiß, dass manche Sätze ambig (mehrdeutig) sind, dass (3a) - je nach Kontext - wie (3b) oder (3c) interpretiert werden muss. (3) a) Harry mag Ron lieber als Dudley. b) Harry mag Ron lieber als er Harry Dudley mag. c) Harry mag Ron lieber als Dudley Ron mag. Man kann Sätze hinsichtlich ihrer Grammatikalität beurteilen, d. h., man weiß dass (4a) grammatisch (grammatikalisch richtig), (4b) hingegen ungrammatisch (grammatikalisch falsch) ist. (4) a) Harry hat gesehen, dass Snape den Schulleiter getötet hat. b) Harry hat gesehen, dass Snape hat getötet den Schuleiter. Wenn man eine Sprache als Muttersprache spricht, ist man sich über die grammatischen Regeln oft nicht bewusst. Man produziert Sätze, ohne über die zugrundeliegenden Regeln nachdenken zu müssen; man erkennt, dass (4b) ungrammatisch ist, ohne genau sagen zu können, welche Regel verletzt wurde. Sprachliches Wissen ist unbewusstes Wissen. Dieses Wissen wird in der Literatur Kompetenz genannt. Der Kompetenz wird die Performanz gegenübergestellt. Unter Performanz versteht man den Sprachgebrauch. Wenn man eine Sprache gebraucht, verletzt man oft die Regeln der Sprache. Man macht Fehler. Diese Fehler können unterschiedliche Ursachen haben. Man ist müde, unaufmerksam, abgelenkt, zerstreut, eventuell betrunken usw. Die generative Grammatik ist an der Kompetenz, dem unbewussten sprachlichen Wissen eines Muttersprachlers, interessiert. Das Paradigma wurde von Noam Chomsky entwickelt, der als einer der bedeutendsten Sprachwissenschaftler des letzten Jahrhunderts gilt, und hat die moderne Sprachwissenschaft wie kein anderes beeinflusst. Chomsky wurde am 7.12.1928 als Sohn eines Hebräisch-Lehrers russischer Abstammung in Philadelphia (Pennsylvania) geboren. Nach dem Besuch der Central Highschool in Philadelphia studierte er Linguistik, Mathematik und Philosophie an der University of Pennsylvania. Er war ein Schüler von Zellig Harris, bei dem er sein Studium mit einer morphologischen Untersuchung zum Neuhebräischen abschloss. Seit 1955 arbeitet er am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Das Forschungsinteresse in der generativen Grammatik hat sich im Verlauf ihrer mehr als fünfzigjährigen Geschichte gewandelt. In der Transformationsgrammatik der fünfziger und sechziger Jahre war man an einer beschreibungsadäquaten Grammatik interessiert. Eine beschreibungsadäquate Grammatik ist eine Grammatik, mit deren Regelwerk man die Sätze einer Sprache (im Falle der generativen Grammatik die des Englischen) beschreiben kann. Chomsky führte zwei Typen von Regeln ein: Erzeugungsregeln (Phrasenstrukturregeln) und Umstellungsregeln (Transformationen). Phrasenstrukturregeln werde ich in Kapitel 2 vorstellen, Transformationen in Kapitel 6. Die Regeln dienten dazu, grammatische Sätze (Sätze, die mithilfe von Erzeugungsregeln und Umstellungsregeln erzeugt werden können) von ungrammatischen Sätzen (Sätzen, die mithilfe von Erzeugungsregeln oder Umstellungsregeln nicht erzeugt werden können) zu unterscheiden. Zudem lag ein großes Interesse am sogenannten "kreativen" Aspekt der Sprache. Gemeint ist die Fähigkeit des Menschen mithilfe einer begrenzten Anzahl von Regeln eine unbegrenzte Anzahl von Sätzen zu erzeugen [1]. Das Prinzipien- und Parametermodell der siebziger und achtziger Jahre nahm an, dass allen Sprachen eine Menge universeller Prinzipien zugrunde liegt (Universalgrammatik). Man war nicht mehr auf der Suche nach Regeln, mit deren Hilfe man die syntaktische Struktur beschreiben konnte, man suchte nach den Prinzipien, die die Grammatikalität von Sätzen bzw. deren Ungrammatikalität erklärten. Ein Satz galt als grammatisch, wenn er den Prinzipien der Universalgrammatik entsprach; er galt als ungrammatisch, wenn er die Prinzipien der Universalgrammatik verletzte. Eine solche Grammatik nennt man erklärungsadäquat. Die Universalgrammatik leistet noch mehr. Sie erklärt, warum kleine Kinder in sehr kurzer Zeit (3 bis 4) Jahre die Grammatik ihrer Muttersprache komplett erwerben - und das, obwohl die Sprache, diese während des Spracherwerbs hören, oft fehlerhaft ist. Sie erklärt zudem die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Sprachen bestehen. Ich werde das Konzept der Universalgrammatik in Kapitel 1 vorstellen und einige wichtige Prinzipien in den Kapiteln 2, 3, 4, 5 und 6. Das minimalistische Programm, das seit Mitte der neunziger Jahre die Forschungsrichtung vorgibt, geht noch einen Schritt weiter. Man geht davon aus, dass mehrere Prinzipien- und Parametermodelle möglich sind, um Grammatik zu beschreiben und zu erklären. Man begibt sich auf die Suche nach dem besten, dem optimalen Prinzipien- und Parametermodell. Als optimal gilt eine Grammatik, wenn sie bestimmten Ökonomie-Prinzipien gehorcht., d. h., wenn sie möglichst wenige syntaktische Kategorien braucht [2], möglichst wenige Erzeugungs- und Umstellungsregeln, möglichst wenige universelle Prinzipien usw. Die wesentlichen Konzepte des minimalistischen Programms werde ich in Kapitel 9 vorstellen. Chomsky versteht seine Sprachtheorie als einen Teilbereich der Psychologie, der sich auf ein bestimmtes geistiges Vermögen beschränkt, nämlich auf das Sprachvermögen. Er fasst die Fähigkeit des Menschen, eine Sprache zu erwerben und später zu sprechen als genetisch bedingt auf. Sprachwissenschaft ist nach seiner Meinung auch ein Teil der Humanbiologie. In diesem Buch möchte ich hauptsächlich die klassische Prinzipien- und Parameter-Theorie vorstellen, die vor in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Forschungsrichtung bestimmte. Diese ist heute weitgehend durch das minimalistische Programm abgelöst. Diese ist jedoch für diejenigen kaum verständlich, die nicht mit der Prinzipien- und Parameter-Theorie vertraut sind. Die Leser seien "verwarnt". Die Beispielsätze sind oft der (Kinder-) Literatur entnommen (Harry Potter I - VII, Pu der Bär, Der Wind in den Weiden, Michel aus Lönneberga, Käpt'n Blaubär). Wer mit den Büchern nicht vertraut ist, könnte Schwierigkeiten haben, die Sätze inhaltlich zu verstehen. Da es aber um das syntaktische, nicht um das inhaltliche Verständnis der Sätze geht, bin ich dieses Risiko eingegangen.
Anmerkungen [1] Man kann zum Beispiel einem Nomen unendlich viele Adjektive voranstellen: meine liebe Ratte meine liebe beste Ratte meine liebe beste teuerste Ratte.... zurück [2] Syntaktische Kategorien sind zunächst Wortarten wie Nomen, Verb, Adjektiv, Präposition usw. vorstellen, später auch sogenannte „funktionale" Kategorien wie Verbalflexion usw. Diese werde ich in den Kapiteln 2 und 9 einführen. zurück Informationen zum Buch: zu den Lösungsvorschlägen zum Überblick
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erstellt: 10.03.2008
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aktualisiert: nein
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