Linguistik

Pragmatik: Wie wir durch Sprechen handeln

Äußerungen sind nicht nur Akte des Sagens und Meinens – eine Person spricht -, sondern zugleich auch Handlungen. Solche Sprechhandlungen nennt man Sprechakte. Den Aufbau und die Klassifikation von Sprechakten behandelt die Sprechakttheorie. Stellen wir uns vor, in einem Seminar zur linguistischen Pragmatik, in dem gerade Searles Klassifikation von Sprechakten behandelt wird, stört eine Gruppe von Studierenden die Diskussion. Der Dozent äußert daraufhin: "Ich möchte Sie doch bitten, Ihre Privatgespräche zu unterlassen". Um das Handlungspotential solcher Äußerungen zu verstehen, muss man sie unter drei verschiedenen Gesichtspunkten betrachten: dem eigentlichen Akt des lautlichen, grammatischen und lexikalischen Äußerns, der so genannten Lokution; der mit der Äußerung verbundenen Handlung, der Illokution; und schließlich der Wirkung der Äußerung, der Perlokution. Die Äußerung hat einen inhaltlichen Kern p: 'dass Sie die Privatgespräche unterlassen'; diese so genannte Proposition (p) entspricht dem lokutionären Akt. Damit ist aber die Äußerung nur unvollständig erfasst. Zugleich ergeht als illokutionärer Akt eine Aufforderung 'Ich möchte sie doch bitten' an die Seminarteilnehmer. Hat diese Aufforderung Erfolg und die Privatgespräche werden zu betretenem Schweigen, so hat der Dozent mit der Äußerung den gewünschten perlokutionären Effekt bewirkt.

Mit Äußerungen kann also gleichzeitig etwas getan werden; es wird etwas festgestellt, es wird aufgefordert, bezweifelt, eine Information erbeten, befohlen usw. Dass man mit Sagen etwas tut, merkt man spätestens in den Fällen, in denen bei Nichterfüllung juristische Folgen drohen: Bei der Vereidigung eines Zeugen vor Gericht legt sich dieser bindend fest, "die Wahrheit zu sagen" – tut er dies entgegen dieser Erklärung nicht, so wird er meineidig und macht sich strafbar; den Befehl eines Vorgesetzten zu verweigern, kann für einen Soldaten mehrere Tage "Bau" bedeuten. Einzelne Sprechakte können sprachlich sehr unterschiedlich realisiert werden. Will man in Ruhe gelassen werden, so kann man die grammatikalisierte Form der Aufforderung wählen, die Imperativform Lass mich in Ruhe! Man könnte auch explizit auffordern: Ich fordere dich auf, mich in Ruhe lassen'. Man kann aber auch indirekt formulieren und z.B. so tun, als ob man einen anderen Sprechakt ausführt: Ich bitte dich, mich in Ruhe zu lassen. Oder man bringt die eigene Einstellung zum Ausdruck: Ich fände es gut, wenn du mich in Ruhe lässt. Oder aber man verschlüsselt die Aufforderung, so dass sie nur implizit in der Äußerung enthalten ist: Meine Frau meint, ich brauche viel Ruhe oder Du, der Arbeitstag heute war wahnsinnig anstrengend.

Um auf einen Sprechakt angemessen zu reagieren, muss der Hörer die Äußerung als Sprechakt erkennen und als solchen akzeptieren. Die Illokution ist konventionell geregelt und kann an bestimmte Voraussetzungen gebunden sein, zu denen die Angemessenheit von Ort und Zeit sowie die Berechtigung der ihn äußernden Person gehören: So kann nur ein Standesbeamter auf dem Standesamt den Sprechakt Hiermit erkläre ich Sie für Mann und Frau gültig ausführen. Der perlokutionäre Effekt hängt nicht nur vom Erkennen des Sprechaktes und seiner konventionell korrekten Ausführung ab, sondern auch von der Aufrichtigkeit der Äußerung seitens des Äußernden und der Akzeptierung durch das Gegenüber. Akzeptiert man den Geltungsanspruch, so unterwirft man sich dem erhobenen Machtanspruch. Eine Zurückweisung ist ebenfalls möglich. So kann man jemandem das Recht bestreiten, eine Anweisung zu geben: Gib mir das Buch! – Wieso, du hast mir gar nichts zu sagen. Oder man bezweifelt die Aufrichtigkeit der Äußerung: Ich liebe dich – du willst ja nur mit mir schlafen.

Der Sprachphilosoph John Austin hat zwei grundsätzliche Typen von Sprechakten unterschieden: konstative und performative Sprechakte. Während konstative Sprechakte etwas ausdrücken, das wahr oder falsch sein kann, ist dies für performative nicht der Fall. Eine Äußerung wie ,Hilfe!' ist eine Handlung, die angemessen oder unangemessen sein kann, die aber nicht wahr oder falsch ist. Seit Austins grundlegendem Werk zur Sprechakttheorie "How to do things with words" ist mehrfach versucht worden, Sprechakte zu klassifizieren. Eine vollständig befriedigende Lösung gibt es indes nicht, u.a. auch deshalb, weil die einzelnen Sprechakte oft kulturspezifisch sind. Als Grundschema kann die Sprechaktklassifikation von Searle (1967) gegeben werden, die den Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen gebildet hat und bildet:

  • Mit ASSERTIVEN Sprechakten will ein Sprecher einen Sachverhalt wiedergeben, z.B. 'Es regnet'. Einen assertiven Sprechakt kann man zurückweisen, indem man den erhobenen Wahrheitsanspruch bestreitet: Schau doch aus dem Fenster, es regnet gar nicht mehr.
  • Mit KOMMISSIVEN Sprechakten geht der Sprecher eine Verpflichtung ein: Ich garantiere Ihnen, die Arbeit innerhalb der nächsten zwei Wochen zu lesen.
  • Mit DIREKTIVEN Sprechakten wie Mach die Tür auf! will ein Sprecher bewirken, dass der Angesprochene die Diskrepanz zwischen dem vom Sprecher erwünschten Zustand und dem tatsächlichen Zustand beseitigt, indem er die geäußerte Proposition ausführt. Die Ablehnung kann auf die Undurchführbarkeit rekurrieren, Die Tür klemmt doch, oder aber den Geltungs- bzw. Machtanspruch zurückweisen, z.B. Wozu?
  • DEKLARATIVE Sprechakte sind institutionell festgelegt: Ich verurteile Sie zu einer Strafe von zehn Jahren Haft. Man kann den Sprechakt bezweifeln, indem man die Rechtmäßigkeit der Institution und die mit ihr verbundenen Geltungsansprüche bezweifelt, man vergleiche das Verhalten mancher als Kriegsverbrecher Angeklagten vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.
  • Mit EXPRESSIVEN Sprechakten will ein Sprecher ein subjektives Erlebnis anderen darstellen. Hier kann vor allem die Aufrichtigkeit der Äußerung in Frage gestellt werden: Ich fühl' mich unwohl – Ach, du willst dich nur vor der Arbeit drücken.

 

Literatur

Austin, John L. (1972). Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart. [englisch 1962]

Searle, John R. (1969). Speech Acts. London


Peter Schlobinski

Ihre Meinung

Kommentare zu dieser Seite

tollllllllllllllllllllllllllllllllllllll!!!
Freitag, 12. Dezember 2008 Gast