Linguistik

Phonologie: Silbenstruktur

Die wichtigste segmentübergreifende phonologische Einheit ist die Silbe. Obwohl Silbe ein eindeutiger Begriff zu sein scheint, ist eine genaue Definition schwierig, da es keine invarianten phonetischen Korrelate gibt und Silben in unterschiedlichen Sprachen sehr unterschiedlich aufgebaut sind.

Jede Silbe besitzt einen (vokalischen) Silbenkern (je nach Modell auch: Nukleus oder V) und eine (konsonantische) Silbenschale (C). Diese besteht aus dem Silbenkopf (auch: Onset oder Anfangsrand) und ggf. der Silbenkoda (auch: Endrand).

Zur Beschreibung der Silbenstruktur existieren unterschiedliche Modelle mit unterschiedlichen Terminologien. Im CV-Modell wird zunächst ganz allgemein zwischen silbischen (V) und nicht silbischen (C) Elementen unterschieden. Eine übergeordnete Struktur wird dann aus diesen beiden Einheiten abgeleitet. Es muss beachtet werden, dass V hier nicht für Vokal und C nicht für Konsonant steht, sondern für silbisch bzw. nicht silbisch. Zwar ist der Kern meist ein Vokal, muss es aber nicht obligatorisch sein. Der Silbenkern bildet zusammen mit der Koda den Reim. Dieser trägt das stimmhafte Potenzial der Silbe. Silbenkopf und Kern bilden den Silbenkörper.

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Abb. 1: Silbe

Das Konstituentenmodell zur Beschreibung von Silben verzichtet auf die Information silbisch/nicht silbisch. Silben werden aufgeteilt in Anfangsrand, Nukleus und Endrand, wobei die letzten beiden zum Reim zusammengefasst werden.

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Abb. 2: Konstituentenstruktur einer Silbe

Geschlossene Silben besitzen einen Endrand, offene nicht (bzw. ihr Endrand ist leer). Silben ohne (bzw. mit leerem) Anfangsrand heißen nackt, solche mit Anfangsrand gedeckt. Die Silbe /ʃrwft/ ist also gedeckt und geschlossen, /fraw/ ist gedeckt und offen, /aːl/ ist nackt und geschlossen, /aw/ ist nackt und offen.

Auf Eduard Sievers (1881) geht die Unterscheidung in Drucksilbe und Schallsilbe zurück. Bei einer Drucksilbe ist das Maß der Silbe durch die Exspiration bedingt. Schallsilben sind dagegen Silben, deren Begrenzung von der Abstufung der natürlichen Schallfülle ihrer Elemente abhängt. Drucksilben wie Schallsilben können einlautig oder mehrlautig sein – in der mehrlautigen Silbe muss jedoch notwendig eine Abstufung der Schallstärke stattfinden, indem alle übrigen Laute der Silbe einem einzigen Laut untergeordnet werden. Dieser die Silbe beherrschende Laut heißt Sonant, die übrigen heißen Konsonanten der Silbe.

Die Silbe ist die wichtige Domäne zahlreicher (phonotaktischer) Strukturregeln des Deutschen wie der Auslautverhärtung oder der Aspiration stimmloser Plosive. Die der Silbe im Deutschen zugrunde liegenden Segmentkombinationen sind beschränkt und folgen einer Sonoritätshierarchie nach Vennemann (1982). Im Zentrum der Silbe steht der Sonant. Die Konsonanten gruppieren sich so um ihn, dass ihre Sonorität zum Sonanten hin ansteigt und danach wieder abfällt. Die Abbildung zeigt die Abfolge der Sonorität.

a > e, o > i, u > r > l > m, n, ŋ > v, z > f, s > b, d, g > p, t, k

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Abb. 3: Konstituentenstruktur und Sonoritätskontur

Alle betonten Vollsilben haben einen besetzten Endrand (z.B. bi, bei).

Prominente Silben sind akzentiert und verfügen über einen Vollvokal im Nukleus.

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Abb. 4: prominente Silbe

Bei Reduktionssilben enthält der Nukleus einen Reduktionsvokal (Schwa oder Tiefenschwa).

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Abb. 5: reduzierte Silbe

Ist die Silbe weder prominent noch reduziert, so ergibt sich folgende Struktur:

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Abb. 6: weder prominente noch reduzierte Silbe

Die Analyse der Silbenstruktur eines gesamten Wortes anhand von Konstituentenstrukturen sähe entsprechend so aus:

Bsp. 1: Avocado

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Abb. 7: Silbenstruktur des Wortes <Avokado>

Ein Problem für die Analyse stellt die Konsonantenhäufung im Deutschen dar, da die Sonorität bereits vor dem Anfangsrand ein hohes Niveau erreichen kann.

Bsp. 2: stramm

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Abb. 8: Konsonantenhäufung am Beispiel <stramm>

Eine Analyse des /ʃ/ als extrasyllabisches Element vor dem Anfangsrand der Silbe ist möglich. Dabei wird ein Laut außerhalb der Sonoritätshierarchie innerhalb der Silbe analysiert.

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Abb. 9: Analyse extrasyllabischer Elemente

Anders verhält es sich, wenn nur zwei Elemente den Anfangsrand besetzen.

phono.silbe.9

Abb. 10: Analyse extrasyllabischer Elemente I

Geminaten (Doppelkonsonanten) wie bei <Ratte> im Gegensatz zu <Rate> sind nicht eindeutig einer Silbe zuzuordnen. Das Prinzip der Onsetmaximierung (Bilde zunächst den größtmöglichen Anfangsrand!) spricht aber dafür, dass sie eher den Anfangsrand der zweiten Silbe besetzen.


Netaya Lotze, Lena Brünjes & Elena Smirnova

Zitierte Literatur

Eisenberg, Peter (2004). Grundriß der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Stuttgart. mehr

Linke, AngelikaMarkus NussbaumerPaul R. Portmann (Hg., 2004). Studienbuch Linguistik. Tübingen. mehr

Meibauer, JörgUlrike DemskeJochen Geilfuß-WolfgangJürgen PafelKarl Heinz RamersMonika Rothweiler (2002). Einführung in die germanistische Linguistik. Stuttgart Weimar. mehr

Sievers, Eduard (1881). Grundzüge der Phonetik zur Einführung in das Studium der Lautlehre der indogermanischen Sprachen. Leipzig. mehr

Vennemann, Theo (1982). Zur Silbenstruktur der deutschen Standardsprache. Tübingen. mehr

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