Linguistik

Phonetik: Klassifikation der Vokale

Vokale sind stimmhaft (die Stimmbänder werden bewegt) und das erzeugte Signal kann als Klang bezeichnet werden. Die ersten zwei Formanten aller Vokale sind unterschiedlich, je nach Lage der Zunge und der Stellung der Lippen. Grob: der dritte Formant ist sprecherspezifisch sowie alle folgenden. Zum Beispiel hat [i] einen ersten Formanten von 250 Hz und einen zweiten Formanten von 2500 Hz (für Männer mit einer Grundtonfrequenz f0 von 100 Hz).

Die Tabelle zeigt die Formanten, also die charakteristischen Frequenzintervalle der Vokale.

VokalFrequenzbereiche
A 800-1100 
E400-6001700-19002200-2600
I200-4001900-21003000-3200
O400-700  
U300-500  

Tab. 1: Formanten (Angaben in Hz)

Artikulation der Vokale

Bei der Bildung von Vokalen im Ansatzrohr liegt keine Behinderung des Luftstroms vor. Die Differenzierung der unterschiedlichen Vokale erfolgt durch Veränderung der Zungenstellung und der Position der Lippen.

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Abb. 1: Artikulation der Vokale a, u, i

Vokale sind also nach folgenden artikulatorischen Parametern differenzierbar:

  • Die Position der Zungenmasse (Dorsum): Die Stellung des Dorsums kann in zwei Dimensionen bestimmt werden, in der vertikalen (Zungenhöhe) und in der horizontalen Ausrichtung (Zungenlage). Letztere bezieht sich auf die Position des höchsten Punktes der Zunge im Mundraum.
  • Die Position der Lippen: Die Lippen können bei der Vokalartikulation eine neutrale bzw. – bei [i] – gespreizte Stellung einnehmen oder sie können vorgestülpt und gerundet sein. Nach diesem Kriterium werden runde Vokale von nicht-runden unterschieden.

Zusätzlich differenziert man noch hinsichtlich der Länge und der Gespanntheit eines Vokals.

Im Deutschen gibt es lange ungespannte und kurze gespannte Vokale; [i y e ø o u] sind gespannt und [ɪ ʏ ɛ œ ɔ ʊ] ungespannt.

Vokal-Klassifikationskriterien
1. Position der Zungenmasse (dorsum):
a) vertikal: Zungenhöhe
b) horizontal: Zungenlage
hoch – mittel – tief
vorn – zentral – hinten
2. Position der Lippen:rund – nicht rund
3. Gespanntheit:gespannt – ungespannt
4. Vokallänge:lang – nicht lang

Tab. 2: Klassifikationskriterien

Vokaltrapez

Die Vokale können hinsichtlich der Zungenstellung (Zungenhöhe (vertikal), Zungenlage (horizontal) und Lippenstellung) in einem so genannten Vokaltrapez angeordnet werden. Die rosa hinterlegten Vokale kommen im Deutschen vor.

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Abb. 2: Vokaltrapez des Deutschen

Eine vereinfachte Darstellung findet sich bei Meibauer et al. (2000: 78):

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Abb. 3: vereinfachtes Vokaltrapez nach Ramers

Die zentralen Klassifikationsparameter für Vokale lauten also:

  • hoch – mittel – tief
  • vorn – zentral – hinten

Je nach Lippenstellung unterscheiden wir gerundete und ungerundete Vokale.

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Abb. 4: Unterscheidung in gerundete und ungerundete Vokale

Einen Überblick über das Vokalinventar des Deutschen und dessen Klassifizierung finden Sie hier:

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Abb. 5: Überblick über die Vokale im Deutschen

Zentralvokale

Zentralvokale im Deutschen sind das Schwa (unbetontes [ə]) und das vokalisierte r. Bei diesen Vokalen nimmt die Zunge eine zentralisierte Position ein (Neutrallage). Phonetik und Orthographie weichen hier voneinander ab.

1. Das Schwa
zentralster Vokal:Neutrallage
IPA:[ə]
Orthographie:<e>
Beispiel:geheim, Rose
2. Das vokalisierte r
zentralster Vokal:Neutrallage
IPA:[ɐ]
Orthographie:<r>, <er>
Beispiel:Ohr, Uhr, Mutter

Tab. 3: Zentralvokale

Diphthonge

Eine Sondergruppe unter den vokalischen Lauten bilden die Diphthonge. Sie sind Kombinationen aus zwei Vokalen innerhalb einer Silbe. Während der Artikulation bewegen sich Zunge und Lippen aus einer Vokalposition in eine andere.

PhonGraphem(e)Beispiel
[aɪ]<ei>, <ai>Reise, Mais
[aʊ]<au>Haus
[ɔɪ]<eu>, <äu>heute, Säule

Tab. 4: Diphthonge des Deutschen

Die Artikulation der Diphthonge stellt Meibauer et al. (2002: 80) wie folgt dar:

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Abb. 6: Diphthonge nach Ramers

Die Abbildung veranschaulicht die Bewegung der Zunge während der Artikulation der Diphthonge. Der Ausgangspunkt der Artikulation ist relativ genau fixierbar, während der Endpunkt der Gleitbewegung der Zunge sehr variabel ist. Entsprechend finden sich eine Reihe unterschiedlicher Transkriptionen für die Diphthonge in der Literatur.
Darüber hinaus gibt es auch zahlreiche diphthongähnliche Kombinationen von Vokalen im Deutschen, bei welchen aber mehr als ein Silbenkern vorliegt.

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Abb. 7: Diphthongähnliche Kombinationen bei mehr als einem Silbenkern

www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/phonetik/

Weiterführende Artikel:

Was ist Phonetik?

Der Sprechvorgang

Klassifikation der Konsonanten

Phonetische Transkription (IPA)


Lena Brünjes, Netaya Lotze & Elena Smirnova

Zitierte Literatur

Dürr, MichaelPeter Schlobinskim (2006). Deskriptive Linguistik. Grundlagen und Methoden. Göttingen. mehr

Linke, AngelikaMarkus NussbaumerPaul R. Portmann (Hg., 2004). Studienbuch Linguistik. Tübingen. mehr

Meibauer, JörgUlrike DemskeJochen Geilfuß-WolfgangJürgen PafelKarl Heinz RamersMonika Rothweiler (2002). Einführung in die germanistische Linguistik. Stuttgart Weimar. mehr

Pompino-Marschall, Bernd (2005). Einführung in die Phonetik. Berlin. mehr

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Bewerten Sie die Seite per Klick! erstellt: 27.05.2012 von si aktualisiert: 12.06.2012