Linguistik

Phonetik: Der Sprechvorgang

Laute können vom Menschen gebildet werden, indem bestimmte anatomische Strukturen zusammenarbeiten, um spezielle physikalische Prozesse hervorzurufen. Die Laute können hinsichtlich ihres Artikulationsortes und der Art und Weise, wie sie produziert werden, beschrieben werden. Die Beschreibung der Laute auf der Folie der ihnen zu Grunde liegenden Artikulationsprozesse fällt in den Bereich der artikulatorischen Phonetik.

Physikalische und anatomische Grundlagen

Die menschliche Stimme entspricht dem Prinzip der »freien Aerophone« (Hornbostel/Sachs 1914). Der Luftstrom gelangt von der Lunge in den Sprechapparat, wo durch das Zusammenspiel der verschiedenen beteiligten Organe die Bildung eines Lauts in Form von Schallwellen erfolgt.

phone.sprech1

Abb. 1: Bildung eines Lauts

Die Tonhöhe wird bestimmt durch die Spannung der Stimmbänder. An der Artikulation von Sprechlauten sind darüber hinaus noch zahlreiche weitere Strukturen beteiligt.

phone.sprech.2

Abb. 2: Anatomie des Sprechapparates

Die Stimmbänder erzeugen Schall mit vielen Obertönen. Der Resonanzraum im Vokaltrakt wirkt als Filter, indem er bestimmte Frequenzen (Formanten, F1 / F2) hervorhebt.

phone.sprech.3

Abb. 3: Frequenzen

Bestimmte Phone können also als bestimmte Formanten gefasst werden.

phone.sprech.4

Abb. 4: Formanten

Die Vokale (s.u.) lassen sich auf diese Art und Weise hinsichtlich F1 und F2 klassifizieren.

phone.sprech.5

Abb. 5: Klassifikation der Vokale

Der Luftstrom kann pulmonisch (durch die Lunge), glottalisch (durch die Glottis) oder velarisch (durch den Gaumen erzeugt) sein, seine Richtung ingressiv (in den Körper hinein) oder egressiv (aus dem Körper heraus).

Resonanzräume sind Kehlkopf, Rachen, Mundhöhle und Nasenhöhle. Der Sprechtrakt gliedert sich in drei Teilräume, den Rachenraum, den Nasenraum und den Mundraum.

phone.sprech.6

Abb. 6: Resonanzräume

Der gesamte Bereich oberhalb der Glottis, in dem sich die Artikulation abspielt, wird als supraglottaler Raum, Sprechtrakt oder Ansatzrohr bezeichnet.

Aktiv an der Artikulation beteiligt sind die Stimmlippen (bzw. die Glottis), die Zungenwurzel, das Zungenblatt, der vordere und hintere Zungenrücken, die Zungenspitze und die Unterlippe.

phone.sprech.7

Abb. 7: Aktive Artikulatoren

Diese anatomischen Strukturen steuern durch ihre Bewegung die Artikulation.

Von verschiedenen Knorpeln, Knochen und Muskeln umgeben liegen die Stimmlippen. Bei Öffnung der Stimmlippen zeigt sich die Glottis, die Stimmritze.Die Stimmritze ist also nicht selbst eine anatomische Struktur, sondern der Zwischenraum zwischen den Stimmlippen.

Stimmbänder

Abb. 8: offene Stimmlippen

Stimmbänder I

Abb. 9: geschlossene Stimmlippen

Auch passive Artikulatoren sind an der Lautbildung beteiligt, bewegen sich aber nicht selbst.

phone.sprech.9

Abb. 10: Passive Artikulatoren

Aus den lateinischen und griechischen Bezeichnungen für die anatomischen Strukturen kann die Terminologie abgeleitet werden, nach der Laute beschrieben werden.

Anatomische StrukturMedizinischer FachterminusTerminus in der artikulatorischen Phonetik
NasenraumCavum nasinasal
MundraumCavum orioral
RachenraumPharynxpharyngal
LippenLabieslabial
ZähneDentesdental
ZahndammAlveolaealveolar
Harter GaumenPalatum durumpalatal
Weicher Gaumen, GaumensegelVelumvelar
HalszäpfchenUvulauvular
ZungenspitzeApexapical
ZungenrückenDorsumdorsal
StimmritzeGlottisglottal
KehlkopfLarynxlaryngal

Tab. 1: Die Herkunft der Terminologie

Phasen des Sprechvorgangs

Der Sprechvorgang lässt sich in drei Phasen gliedern:

  • Initiation: Erzeugen eines Luftstroms, der zur Lautproduktion benötigt wird: Ausatmung oder (selten) Einatmung
  • Phonation: Stimmbildung mit Hilfe der Stimmbänder
  • Artikulation: Modifizierung des Schallsignals zu einem Sprachlaut (im Sprechtrakt)

Der erste Schritt der Bildung eines Lautes ist die Initiation, d.h. ein Luftstrom dringt aus der Lunge durch Ausatmen in den Kehlkopf.
Der zweite Schritt ist die Phonation, die Stimmbildung mit Hilfe der Stimmlippen. Drei Positionen der Stimmlippen sind dabei zu unterscheiden.

  • geöffnet: stimmlose Laute Bsp. [p], [t], [k]
  • schwingend: stimmhafte Laute Bsp. [b], [d], [g]
  • geschlossen: Glottisverschlusslaut [ʔ] vor betonten Vokalen

Als Glottisverschlusslaut bezeichnen wir den kaum hörbaren Knack-Laut vor betonten Vokalen, entweder am Wortanfang wie in Apfel ['ʔapfl] oder im Wortinneren nach anderem Vokal wie in beeilen [bə'ʔaɪlən].
Ist die Glottis, also die Lücke zwischen den geöffneten Stimmlippen, nicht verschlossen, so kann durch sie Luft strömen. Bei ihrem Weg durch den supraglottalen Raum kann die Luft entweder ungehemmt ausströmen oder sie wird durch die Bewegung eines Artikulationsorganes in irgendeiner Form behindert. In ersterem Fall werden Vokale produziert, im letzteren Konsonanten.

Der dritte Schritt zur Lautbildung ist die Artikulation, also die Modifizierung des Schallsignals zu einem Sprachlaut. Diese findet im Sprechtrakt statt.

Die Artikulation der Vokale und die der Konsonanten unterscheiden sich stark voneinander, daher werden sie in separaten Artikeln besprochen:

Klassifikation der Vokale

Klassifikation der Konsonanten

 

Weitere Informationen

Näheres erfahren Sie unter:

Was ist Phonetik?

Phonetische Transkription (IPA)

Weiterführend zur Phonetik der Formanten:

http://www.kgw.tu-berlin.de/forschung/Formantkarten

Weiterführend zur Anatomie des Sprechapparats:

Paulsen/Waschke/Sobotta (2010)

www.animations.physics.unsw.edu.au

www.seam-uni-essen.de (nach Miller 1992, S. 97)

www.seam-uni-essen.de (nach Lieberman 1984, S. 116)

www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/phonetik/

 

 

 

 


Netaya Lotze, Lena Brünjes & Elena Smirnova

Zitierte Literatur

Dürr, MichaelPeter Schlobinskim (2006). Deskriptive Linguistik. Grundlagen und Methoden. Göttingen. mehr

Linke, AngelikaMarkus NussbaumerPaul R. Portmann (Hg., 2004). Studienbuch Linguistik. Tübingen. mehr

Meibauer, JörgUlrike DemskeJochen Geilfuß-WolfgangJürgen PafelKarl Heinz RamersMonika Rothweiler (2002). Einführung in die germanistische Linguistik. Stuttgart Weimar. mehr

Pompino-Marschall, Bernd (2005). Einführung in die Phonetik. Berlin. mehr

Sobotta, JohannesFriedrich PaulsenJens Waschke (2010). Atlas der Anatomie des Menschen. München. mehr

von Hornbostel, Erich M.Curt Sachs (1914). »Systematik der Musikinstrumente. Ein Versuch.«. Aufsatz in der Zeitschrift für Ethnologie. Bd. 46. mehr

Ihre Meinung

Kommentare zu dieser Seite