Kurzwörter - Definition und Kategorisierung
Bei Kurzwörtern handelt es sich - wie der Name schon verrät - um Wörter, womit nicht nur bestimmte Eigenschaften verbunden sind, sondern auch eine klare Abgrenzung zu Abkürzungen gegeben ist. So sind Wörter eigenständig, wortbildungsfähig (Atomkraftwerkausstieg/AKW-Ausstieg) und einige Wortarten sind flektierbar (so etwa Substantive wie Atomkraftwerke/AKWs) etc. Für Abkürzungen treffen keine der genannten Eigenschaften zu: Sie sind weder eigenständig (zumindest nicht phonisch: *['eː'teː'tseː]), noch lassen sich mit ihnen neue Wörter bilden (*etc.-Manie), und sie sind auch nicht flektierbar (die vielen *Etc.s, aber die vielen Etceteras). Das erste Kriterium stellt das einfachste zur Differenzierung dar: Ist eine Reduktionsform auch in der Kurzform artikulierbar, handelt es sich um ein Kurzwort; wird hingegen nur die Vollform ausgesprochen, tritt also die Kurzform nur als grafische Realisierung auf, liegt eine Abkürzung vor. Aus diesem Grund werden Abkürzungen auch als "grafische Kürzungen" bezeichnet (vgl. Siever 2011). In der Konsequenz ist die Kurzwortbildung ein Wortbildungsprozess und steht neben anderen wie Komposition, Derivation, Konversion und Wortkreuzung. Bedenkenswert ist die Hypothese von Hofrichter (1977: 34), derzufolge Kurzwörter sich aus Abkürzungen entwickeln bzw. häufig gebrauchte Abkürzungen im Laufe der Zeit Kurzwörter werden. Bei einigen Belegen ist dies sehr wahrscheinlich, was sich auch an der Tilgung der Abkürzungszeichen zeigt (T.Ü.V. > TÜV; ähnlich F.A.Z., F.D.P. > FAZ, FDP), bei anderen kann dies ausgeschlossen werden, da entweder Vollform und Kurzform parallel gebildet worden sind (ADSL < Asymmetric Digital Subscriber Line) oder das Kurzwort mehr oder weniger allein besteht (WASG < Arbeit & soziale Gerechtigkeit - Die Wahlalternative, ABB < Asea Brown Boveri). Damit tritt ein weiteres Merkmal von Kurzwörtern hervor: Im Regelfall stellt die Kurzform eine semantische Dublette zur Vollform dar (Kobler-Trill 1994), womit also eine synonyme Relation zwischen Vollform und Kurzform besteht. Allerdings kommt es in seltenen Fällen zu einer Aufhebung dieser Beziehung, einer Verselbstständigung der Kurz- oder Vollform. So ist die ursprüngliche Bedeutung von ARD'Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland' der Bedeutung 'Erstes Deutsches Fernsehen' gewichen (vgl. auch Bafög). Auch diese Möglichkeit grenzt wiederum Kurzwörter von Abkürzungen ab. Darüber hinaus weisen Kurzwörter in der Regel keine Varianten auf, Abkürzungen hingegen schon (hierzu mehr). Übereinstimmende Definitionskriterien bestehen jedoch ebenfalls: So ist etwa die Kurzform kürzer als die Vollform und sowohl Abkürzung als auch Kurzwort sind aus dem Zeichenmaterial der Vollform gebildet. Damit stellen sich allerdings auch Probleme bei der Abgrenzung ein: Zu den Kurzwörtern werden im Regelfall Bildung auf -i und -o gezählt (Fascho, Sponti), obwohl weder Faschist ein o, noch Spontaner Mensch ein i enthält. Eine weitere Frage bei diesem Bildungstyp ist, ob sich zu der Kurzform tatsächlich eine eindeutige Vollform angeben lässt, was bei Sponti bereits schwierig ist (ein Spontaner, ein spontaner Mensch, ...?; ähnlich Depri, Zoni). Mitunter werden auch Typen wie Mail < E-Mail als Kurzwörter geführt, womit unzählige bis alle Simplizia wie Ofen < Backofen, Tür < Haustür etc. als Kurzwörter eingeordnet werden könnten - wozu dann eine Kategorie Kurzwort? Es handelt sich bei diesen Formen mitnichten um Kurzwörter, sondern lediglich um (ehemalige) Konstituenten, bei denen ein Rückgängigmachen des Kompositionsprozesses vorliegt (Dekomposition; ähnlich Hoch < Hochdruckgebiet, Korn < Kornbranntwein; vgl. auch Bellmann 1980: 369). Kurzwort-TypenKobler-Trill (1994) klassifiziert in ihrer Dissertation Kurzwörter in Anlehnung an Bellmann (1980), der auch für andere Typologien die Vorlage stellt (Steinhauer 2000). Grundsätzlich unterscheidet sie zwischen unisegmentalen und multisegmentalen Kurzwörtern, also zwischen Wörtern, die eine kontinuierliche (Anne < Annegret) oder eine diskontinuierliche Zeichenfolge in der Vollform darstellen (Fuzo < Fußgängerzone). Beide Typen lassen sich weiter subkategorisieren und durch einen Sonderfall: - Unisegmentale Kurzwörter:
- Kopfwörter (Uni < Universität)
- Rumpfwörter (Lisa < Elisabeth)
- Endwörter (Thea < Dorothea)
- Multisegmentale Kurzwörter:
- aus Morphemanfängen:
- Initial(kurz)wörter aus Morphemanfängen (Lkw < Lastkraftwagen)
- Silbenkurzwörter (Fuzo)
- Mischkurzwörter (AStA < Allgemeiner Studentenausschuss)
- aus anderen Positionen: Besondere Kurzwörter (Tbc < Tuberculose)
- Partielle Kurzwörter (H-Milch)
Initialkurzwörter lassen sich weiter in ihrer Aussprache differenzieren und werden oft auch als Akronyme (von engl. acronyms) bezeichnet. Partielle Kurzwörter stellen insofern einen Sonderfall dar, als nur die erste Konstituente gekürzt auftritt; die zweite bleibt ungekürzt. Hierzu zählen jedoch nicht Formen wie EU-Parlament, da EU ein Kurzwort, das mit einer anderen Konstituente eine Komposition eingegangen ist, und damit eigenständig ist. H in H-Milch ist hingegen kein Kurzwort, da eine Paraphrase wie *Die Milch ist h nicht möglich ist, da h (< haltbar) unselbstständig ist. Mit dieser klaren Abgrenzung ist Schukostecker ein partielles Kurzwort, da *Schuko kein Lexem ist, DIN-Norm hingegen eine Kurzwort-Wortbildung, da mit DIN ein Lexem vorliegt. BeispieleEine umfangreiche Liste mit realen Belegen finden Sie im Folgenden: Kurzwörter (und Kurzwort-Wortbildungen) Abkürzungen
Zitierte Literatur Bellmann, Günter (1980). "Zur Variation im Lexikon: Kurzwort und Original". In: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre, Nr. 30. S. 369-383. Hofrichter, Werner (1977). Zu Problemen der Abkürzung in der deutschen Gegenwartssprache. In: Linguistische Studien. Reihe A, Arbeitsberichte. Hrsg. v. ZISW. Bd. 44. Berlin. Kobler-Trill, Dorothea (1994). Das Kurzwort im Deutschen. Eine Untersuchung zu Definition, Typologie und Entwicklung. In: Reihe Germanistische Linguistik. Hrsg. v. Helmut Henne, Horst Sitta & Herbert Ernst Wiegand. Bd. 149. Tübingen. Siever, Torsten (2011). Texte i. d. Enge. Sprachökonomische Reduktion in stark raumbegrenzten Textsorten. In: Sprache – Medien – Innovationen. Hrsg. v. Runkehl, Jens, Peter Schlobinski & Torsten Siever. Bd. 1. Frankfurt/M. et al. Steinhauer, Anja (2000). Sprachökonomie durch Kurzwörter. Bildung und Verwendung in der Fachkommunikation. In: Forum für Fachsprachen-Forschung. Hrsg. v. Hartwig Kalverkämper. Bd. 56. Tübingen.
Torsten Siever
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erstellt: 23.12.2010
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aktualisiert: 18.09.2011
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