Linguistik

Wortbildung: Komposition

Die Komposition ist neben der Derivation das Standardverfahren zur Bildung von Wörtern im Deutschen. Die Zusammensetzungen weisen die Struktur K = A + B auf (mit A, B = Grundmorpheme), wobei das Deutsche insbesondere dafür bekannt ist, dass die Anzahl der Morpheme (Konstituenten) prinzipiell nicht begrenzt ist. Korrekter wäre also die Form K = A + B (+ C (+ …)). Besonders in der (juristischen) Fachsprache herrscht eine entsprechende Praxis vor, was sich beispielsweise in Gesetzestexten an vielgliedrigen Komposita zeigt (Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz < Gesetz zur Förderung der Fortbildung für den [beruflichen] Aufstieg). Auch das im Juni 2013 abgeschaffte Gesetz mit dem Wortlaut Rindfleischetikettierungsüberwachungs-aufgabenübertragungsgesetz mag hierfür ein Beispiel sein. Oftmals werden diese Komposita auf Abkürzungen (RkReÜAÜG) oder Kurzwörter (BAföG, zur Abgrenzung s. Kurzwörter) reduziert.

Subtypen der Komposition

Die genannten Belege sind Beispiele für so genannte Determinativkomposita (DK; Sg.: -kompositum). Diese können Attribute oder ganze Nebensatzkonstruktionen ersetzen, wie das o.g. Beispiel Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz bzw. dessen Umschreibung gezeigt hat. Produktiv zeigt sich hierbei etwa die Deutsche Bahn, die komplexe oder gar ungewöhnliche Wortbildungsprodukte wie Nichtraucherbahnhof, Pünktlichkeitsmaßnahme, Triebfahrzeugschaden, Anschlussgefährdung, Unterwegsbahnhöfe und Häufigfahrer – mündlich wie schriftlich – verwendet. Komplex insofern, als Unterwegsbahnhöfe solche Bahnhöfe sind, die ›unterwegs/auf der Fahrstrecke liegen‹, und ungewöhnlich insofern, als Häufigfahrer mit einem Adverb als erste Konstituente gebildet ist, was im Deutschen nicht sehr produktiv ist. Es gibt neben den Determinativkomposita weitere Wortbildungstypen, die im Anschluss genannt werden.

Determinativkomposita

Kennzeichen von Determinativkomposita ist, dass eine rechte Konstituente von der jeweils linken Konstituente semantisch eingegrenzt (spezifiziert) oder modifiziert wird. So ist ein Häufigfahrer nicht irgendein Fahrer, sondern ein ›Fahrer, der häufig fährt‹, und ein Rosengarten ein spezifischer ›Garten, in dem Rosen wachsen‹. Dies impliziert, dass ein Rosengarten eine spezifische Form eines Gartens ist und eben keine Rose, die in einem Garten steht. Präziser formuliert ist die rechte äußere Konstituente der semantische Kern der Komposition. Ein Häufigfahrer ist aber nicht nur eine spezifische Form eines Fahrers, sondern auch ein Substantiv (und kein Adverb wie häufig). Das heißt: Die rechte Konstituente bestimmt nicht nur den Inhalt (semantischen Gehalt), sondern auch noch die grammatischen Eigenschaften wie Wortart und Genus (bei Substantiven); man spricht dann – parallel zum semantischen Kern – vom grammatischen Kopf der Einheit. Wenn von der Right-Hand-Head-Regel die Rede ist, ist eben dies gemeint. Dass sowohl der Kopf als auch der Kern auf die rechte äußere Konstituente festgelegt sind, impliziert, dass die Konstituenten nicht vertauscht werden können, ohne dass sich an der Wortbedeutung und ggf. auch Wortgrammatik etwas ändern würde (aber als Grenzfall: SchrankwandWandschrank, wobei sich auch hier das Genus ändert; s. u.). Wichtige Begriffe sind hier noch das Determinans als diejenige linksstehende Konstituente, die das Determinatum als die Konstituente, die semantisch modifiziert wird, näher bestimmt (DK = Determinans + Determinatum).

Gebildet werden können Determinativkomposita aus Stammformen, die dieselben oder unterschiedliche Wortarten aufweisen können, wie bereits Rosengarten (N+N) oder Häufigfahrer (Adv+N) gezeigt haben. Fahrer ist übrigens nicht vollständig segmentiert; es liegt hiermit allerdings kein Kompositum vor, sondern ein Derivat aus Fahr+er (s. Derivation). Auch verbale Stammformen (Geh+weg, V+N), adjektivische (Schön+wetter, Adj+N), pronominale (All+macht, Pro+N) und präpositionale (Mit+mensch, Präp+N) können für die Bildung von Determinativkomposita herangezogen werden.

Typisch für Determinativkomposita sind so genannte Fugenelemente, die mitunter in der »Fuge« zwischen den Konstituenten stehen müssen (Rose+n+garten). Häufig ist das Determinans formgleich mit dem Pluralflexionsform ([die] Rosen), wobei es sich nicht um den Plural handeln muss (*Kavalieredelikt, korrekt: Kavaliersdelikt); dem Genitiv kann es, muss es jedoch ebensowenig entsprechen (Bildungsgesetz, aber Gen.Sg.: Bildung).

Kopulativkomposita

Wenn Adjektive miteinander verbunden werden, liegt wahrscheinlich ein anderer Typus vor: ein Kopulativkompositum. Heiß-kalt, süß-sauer oder auch (N+N) Baden-Württemberg wären Beispiele für diesen Bildungstyp. Es handelt sich bei Kopulativkomposita eher um eine Aufzählung als um eine nähere Bestimmung des Grundmorphems, was bedeutet, dass alle Konstituenten prinzipiell gleichrangig sind. Die blau-weiß-rote Trikolore ist eben nicht vor allem rot oder weiß, sondern ebenso blau wie rot wie weiß. Im Regelfall lassen sich daher die Konstituenten auch umstellen, ohne dass sich die Bedeutung ändert; diesbezügliche Restriktionen sind meist prosodischer Art, im Fall der Fahne aber wahrscheinlich die Abfolge, wenn man von links nach rechts »liest«. Bei Determinativkomposita ist eine Umstellung eben nicht möglich, da eine Obstplantage etwas völlig anderes ist als Plantagenobst.

Possessivkomposita

Bei der dritten entscheidenden Gruppe, den Possessivkomposita, geht es um solche Zusammensetzungen, bei denen Eigenschaften zugeschrieben werden bzw. anders als bei einem Determinativkompositum keine wörtliche Lesart impliziert ist. Zu dieser Subkategorie gehört Rotkehlchen. So handelt es sich dabei nicht um eine Kehle, sondern einen Vogel mit einer (roten) Kehle. Für letzteres ist typischerweise eine Umschreibung mit haben möglich: »X, das eine rote Kehle hat/aufweist«.

Rektionskomposita

Selten und weniger einfach zu erkennen sind Rektionskomposita. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine Konstituente enthalten, die eine andere regiert, präziser: Rektionseigenschaften eines z. B. Verbs werden bei der Komposition übernommen (Argumentvererbung). So fordert das Verb lehren ein direktes Objekt im Akkusativ, was beim Kompositum vor dem substantivierten Lehren oder abgeleiteten Lehrer erscheint ([das] Mathelehren, [der] Mathelehrer). Bei ersterem kann man statt von Komposition auch von Univerbierung ausgehen, also von einem Zusammenwachsen einer Phrase (Mathe lehren > Mathelehrer, vgl. Rad fahren > radfahren).

Konfixkomposita

Eine weitere Form sind die Konfixkomposita. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass mindestens ein Konfix am Bildungsprozess beteiligt ist (Bio+milch); möglich sind jedoch auch Konfixkomposita, bei denen zwei Konfixe zusammengesetzt worden sind (Bio+log+e). Konfixe sind keine freien Formen, sondern sind - etwa durch Reanalye - aus i. d. R. Latinismen und Gräzismen herausgelöst worden (griech. bíos, lógos). Sie stehen hinsichtlich des Grammatikalisierungsgrades zwischen den freien Grundmorphemen und den gebundenen Affixen: Mit ersteren haben sie gemeinsam, dass ihnen eine Bedeutung zugeschrieben werden kann, mit den Affixen, dass sie nicht frei vorkommen (Näheres bei Eisenberg 1998: 233ff.).

Zusammenbildungen

Als ein besonderer Typus ist die von Leser (1990) so bezeichnete Zusammenbildung zu nennen. Sie besteht aus mindestens (und meist genau) drei unmittelbaren Konstituenten, was deshalb ungewöhnlich ist, weil in der Wortbildung Prinzip der binären Verzweigung mit jeweils zwei unmittelbaren Konstituenten gilt. So lässt sich beispielsweise blauäugig eindeutig in die Morpheme {blau, auge, ig} segmentieren, aber weder existiert ein Wort Blauauge, noch ist *äugig ein zulässiges Wort. Inwiefern hier nur eine hinsichtlich der Bildung spezifische Einschränkung oder tatsächlich ein besonderer Typus vorliegt, ist noch nicht ausreichend geklärt – eine Besonderheit sind diese Bildungen aber in jedem Fall.

Vor- und Nachteile von Komposita

Komposita sind syntaxbezogen reduktiv. Damit einher gehen Vorteile wie Nachteile.

Ambiguität

Unerwünschtes Nebenprodukt einer an sich vorteilhaften Verkürzung kann Uneindeutigkeit (Ambiguität) sein. So können beispielsweise bei Komposita, die auf eine Konstruktion mit Präpositionalphrase zurückgehen (Bücher über Frisch > Frisch-Bücher), mehrere Rekonstruktionen möglich sein: ›Bücher von/über/an/mit/für Frisch‹. Zudem nimmt mit zunehmender Konstituentenzahl die Lesbarkeit und damit Segmentierbarkeit ab: Fußballvereinseinnahmenüberschussverwaltungs-ratsvorsitzender veranschaulicht dies, auch wenn die Bildung im Vergleich zur nicht-kompositionellen Variante äußerst kurz ist (s. Siever 2011). Hier kann der Bindestrich zur Markierung von Morphemen oder größeren semantischen Einheiten eine vorteilhafte disambiguierende Wirkung haben (bspw. Fußballvereins-Einnahmenüberschuss-Verwaltungsrats-Vorsitzender).

Reduktion von Komplexität

Eine Möglichkeit, komplexe Komposita zu verschlanken, ist die Tilgung von Konstituenten. Bei Klammerformen (Fleischer/Barz 1995: 220) wird per definitionem das mittlere Morphem getilgt (Grippe+[schutz]+Impfung). Bedingung hierfür ist, dass mindestens drei Konstituenten ein Kompositum bilden und es sich um ein Determinativkompositum handelt (Voll[korn]mehl, Ziegen[milch]käse, Laub[holz]säge, nicht kopulativ: blau-weiß-rotblau-rot). Grundsätzlich sind Klammerformen immer dann unproblematisch, wenn es keine konkurrierenden Parallelbildungen gibt, wenn also nur ein Kompositum mit denselben umschließenden Konstituenten existiert (und eben nicht auch ein Wort Ziegen+fleisch+käse). Zumeist sind Klammerformen stark usualisiert bzw. lexikalisiert. Zum Teil ist sogar fraglich, ob die »Vollformen“ jemals gebraucht worden sind (?Ziegenmilchkäse) oder nicht sofort die reduzierte Form gebildet worden ist. Dieses Schicksal teilen sie mit einigen Kurzwörtern.

Probleme bereiten Klammerformen dann, wenn durch die Kürzung unmotivierte Varianten entstehen, wie dies bei Grippeimpfung der Fall ist, wo natürlich entgegen der wörtlichen Lesart nicht (für) eine Grippe geimpft wird, sondern gegen diese. Auch bei Ziegenkäse oder Laubsäge ging die Motivation verloren, denn mit einer Laubsäge wird natürlich kein Laub gesägt.

Determinanstilgung

Reduziert können natürlich auch die ersten Konstituenten eines Determinativkompositums, da der Kopf und Kern die letzte Konstituente bildet. Im Regelfall lässt sich durch den Kontext leicht entschlüsseln, ob es sich bei einem Schlüssel um einen [Haustür]schlüssel oder um einen [Fahrrad]schlüssel handelt. Mitunter wird für diese Reduktionsform der Terminus Dekomposition verwendet, da es sich um eine Rückgängigmachung des Kompositionsprozesses handelt. Kurzwörter sind es damit natürlich nicht.

Geköpfte Komposita

In seltenen Fällen wird auch die letzte Konstituente getilgt, womit erstaunlicherweise der Kopf und Kern der Konstruktion - zumindest visuell - entfernt wird (im Detail s. Siever 2011: 120f.): [der] Korn[branntwein]. Mitunter ändert sich im Zuge der Tilgung auch das Genus (der Pop < die Popmusik), wobei mitunter nur schwer oder nicht ermittelt werden kann, aus welcher Vollform eigentlich gekürzt worden ist (denkbar wäre auch Popmusikstil). Der Genuswechsel kann aber auch durch typische Genera innerhalb von Wortfeldern (die Bismarck (Schiffe), der Kirsch (Alkoholika)) erklärt werden. Da im Regelfall bei der Reduktion eine Übereinstimmung mit einem Lexem entsteht, kann das unterschiedliche Genus disambiguieren (das Korn vs. der Korn[branntwein]) oder es muss der Kontext herangezogen werden.

Außer der Reihe: Phrasenkomposita

Erwähnt werden müssen an dieser Stelle noch die Phrasenkomposita oder »Aneinanderreihungen« (DUDEN 2006: K 68). So komplex sie mitunter sind: sie sind im Fall von geschriebener Sprache meist transparent dargestellt, indem sie mit Bindestrich geschrieben werden ([das] Du-kannst-mich-nicht-ausschlagen-Angebot, mit Relativsatz paraphrasiert: [das]Angebot, das du nicht ausschlagen kannst). Dass es sich um Wörter handelt, ist an der Zuweisung einer Wortart (Substantiv) und eines Genus sowie am syntaktischen Verhalten erkennbar. Und dass es syntaktische Varianten von Determinativkomposita sind, zeigt sich daran, dass die Right-Hand-Head-Regel gilt und der semantische Kern rechts verortet ist: Ein Rühr-mich-nicht-an-Hamster ist ganz offensichtlich ein Hamster - wenn auch ein bissiger.


Torsten Siever

Zitierte Literatur

Duden, Der (2006). Die deutsche Rechtschreibung. Mannheim. mehr

Eisenberg, Peter (1998). Grundriß der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Stuttgart. mehr

Fleischer, WolfgangIrmhild Barz (1995). Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen. mehr

Leser, Martin (1990). Das Problem der 'Zusammenbildungen'. Eine lexikalistische Studie. Trier. mehr

Siever, Torstenm (2011). Texte i. d. Enge. Sprachökonomische Reduktion in stark raumbegrenzten Textsorten. Frankfurt/M. et al. mehr

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