Linguistik

Wortbildung: Derivation

Neben der Komposition spielt auch die Derivation (auch: Ableitung) eine wichtige Rolle bei der Wortbildung. Mittels Derivation wird ein Wort häufig in eine andere Wortart überführt, zum Beispiel das Substantiv Herz in das Adjektiv herz+lich und das wiederum in das Substantiv Herzlich+keit. Vereinfacht ließe sich Derivation darstellen als D = A + i, wobei A für ein freies Grundmorphem (oder Konfix) und i für ein gebundenes Derivationsmorphem steht. Da es allerdings sowohl vor, als auch nach dem Grundmorphem stehen kann oder wie im Fall von ge-X-t auch das Grundmorphem umschließen kann, ist die präzisere Formel: D = (i +) A (+ j). Ist ein Derivationsmorphem vorangestellt (i), handelt es sich um ein Präfix (an+schnuffeln); ist es dem Grundmorphem nachgestellt (j), spricht man von Suffix (schnuffel+ig). Werden beide gleichzeitig hinzugefügt, ist ein Zirkumfix beteiligt (Ge+[bell]+e). In anderen Sprachen gibt es auch Infixe, die zur Derivation herangezogen werden können: Im Kamhmu (Laos) ist -rn- ein Substantivinfix: /toh/ ›meißeln‹ > /trnoh/ ›Meißel‹.

Wie schon bei der Flexion gibt es auch bei der Derivation das Nullmorphem ø. Es wird für die »Nullabteilung« angenommen, so etwa im Fall von herz+en. Zwar ist nicht nur {herz} sondern auch {en} ein Morphem, jedoch kein Wortbildungsmorphem, sondern ein Flexionsmorphem, das den Infinitiv markiert – womit es bei der Wortbildung ignoriert werden kann.

Bei den Affixen handelt es sich im Gegensatz zu den Grundmorphemen um gebundene Morpheme, denen weniger eine Bedeutung als vielmehr eine Funktion zugeschrieben werden kann (wie Wortartwechsel).

Namensgebungen

Abhängig vom Ausgangs- und Zielprodukt fällt die Benennung des per Derivation gebildeten lexikalischen Wortes aus: Wird ein Verb zu einem Substantiv abgeleitet, spricht man von deverbalem Substantiv (deverbal: ‚von einem Verb kommend', z.B. Schließ+er), entsprechend von desubstantivischem Adjektiv (herz+lich), deadjektivischem Substantiv (Schön+heit) etc. Präfigierung ändert im Regelfall die Wortart – aufgrund des Rechtsköpfigkeitsprinzips im Deutschen – nicht: Sowohl das Simplex gehen als auch die Derivate be+gehen, ent+gehen, ver+gehen etc. sind Verben, sozusagen »deverbale Verben«. Ausnahmen bilden die denominalen (be+hausen) und deadjektivischen Präfixverben (ver+blöden); hier wird die Wortart (SBST/VB bzw. ADJ/VB) verändert, womit den Präfixen be- und ver- in den Beispielen der grammatische Kopf ist (nicht aber in be/ver+arbeiten!).

Präfixe, Suffixe, Infixe und Zirkumfixe bilden die Gruppe der Affixe. Ein Prozess, der durch ein Affix ausgelöst wird, heißt deshalb Affigierung; entsprechend der Beteiligung spricht man von Präfigierung, Suffigierung, Infigierung und Zirkumfigierung. Affigierung spielt nicht nur bei der Derivation, sondern auch bei der Flexion eine Rolle, was die Abgrenzung nicht gerade erleichtert. Allerdings ist Flexion nicht Gegenstand der Wortbildung, sondern der Wortformbildung. Die Überschneidung und Abgrenzung ist in Tab. 1 dargestellt.

 KompositionDerivationFlexion
FunktionWortbildungWortformbildung
MittelVerbindungAffigierung
Beteiligung≥ 2 Grundmorpheme oder KonfixeGrundmorphem + DerivationsmorphemGrundmorphem + Flexionsmorphem

Tab. 1: Abgrenzung von Wortbildung und Flexion

Produktive, d. h. aktuell für die Bildung neuer Wörter genutzte Präfixe sind beispielsweise ent-, be- oder an-, produktive Suffixe -ig, -lich oder -mäßig. An Affixen wie dem noch jungen -technisch ist abzulesen, dass sich Derivationsmorpheme aus freien Grundmorphemen entwickeln können; meist tragen sie dann eine andere Bedeutung, bei -technisch etwa »das x betreffend« oder u. U. »bezüglich des x« (fahrtechnisch < bezüglich des Fahrens). Wirft man einen Blick in die Sprachgeschichte, lässt sich erkennen, dass etwa auch -heit im Althochdeutschen ein eigenständiges Wort mit der Bedeutung ›Person, Persönlichkeit‹ gewesen ist. Als freies Morphem ist heit zwar heute nicht mehr existent, die ursprüngliche Bedeutung ist aber im gebundenen Wortbildungsmorphem gewissermaßen konserviert (erkennbar noch in Wörtern wie Schlauheit, Christenheit (Personengruppe)). Derivationsmorpheme, die in einem Übergang befindlich sind, wie dies bei -mäßig und -technisch der Fall ist, werden häufig auch Halbaffixe oder Affixoide bezeichnet. Unklar ist aber, wann[] ein Halbaffix zu einem Affix geworden ist, weshalb der terminologische Nutzen fraglich ist.

Rund 100 unselbstständige Morpheme existieren im Deutschen, von denen heute immer noch rund 2 Dutzend Morpheme produktiv sind. Beispiele für Suffixe des Deutschen sind für ...
- Substantive: -e, -ung -nis, -heit, -keit, -ei, -er, -ling, -sal, -haft, -isch, -lich, -ig
- Adjektive: -en, -ern, -isch, -lich, -sam, -bar, -haft, -sal
- Verben: -eln, -ern, -igen, -sen -ieren
- Adverbien: -s, -lings

Einige Präfixe des Deutschen sind für ...
- Substantive: un-, ur-, ex-
- Verben: be-, er-, ent-, ver-, zer-, miss-

Ein Beispiel für heute nicht mehr produktive Derivationsmorpheme des Deutschen ist -sal (Lab+sal, Müh+sal).

Subtypen von Derivation

Derivation der bislang thematisierten Art wird explizite Derivation genannt, da sie mittels Affix erfolgt. Demgegenüber kommt die implizite Derivation ohne ein Affix aus: Hier wird nur das Grundmorphem verändert, wie dies zum Beispiel bei Wurf der Fall ist, das aus werf+[en] mittels Vokalhebung gebildet ist.

Rückbildung

Einige Linguist(inn)en gehen von einem weiteren Subtypus aus: der Rückbildung. Hier wird der Derivationsprozess gewissermaßen rückgängig gemacht, allgemein beschrieben also R = A + i → A. Beispiele für Rückbildungen sind sanftmüt+ig → Sanftmut, Notland+ung → notland+[en]. Zur Erinnerung: Die Infinitivendung ist nicht der Wortbildung zugehörig und wird daher hierbei ignoriert. Oftmals ist es schwierig zu entscheiden, ob es sich tatsächlich um eine Rückbildung handelt, ob also das Derivat tatsächlich zuerst existiert hat. In diesem Fall hilft wiederum ein etymologisches Wörterbuch weiter.

Exkurs: Motion

Ein interessanter Spezialfall der Derivation ist die Motion (auch Movierung), die mit Ausnahme einiger weniger nicht-nativer Fälle (Stewardess, Purserette, Friseuse, aber österr. Friseurin) durch Suffigierung von -in erfolgt (Sportler+in). Den besonderen Status verdankt der morphologische Prozess zum einen der Problematik der Einordnung, denn mittels in-Suffigierung werden ›nur‹ Maskulina in Feminina überführt - Dekan (mask.) wird zu Dekanin (fem.) - und da Genus eine grammatische Kategorie ist, könnte man Motion doch als Flexion ansehen. -in zählt neben -chen zu den produktivsten kategorienerhaltenden Derivationssuffixen des Deutschen (Eisenberg 1998: 262), d. h., im Gegensatz zu beispielsweise -lich findet keine desubstantivische Ableitung (Herz > herz+lich) statt, sondern die Wortart bleibt - wie bei Flexiven - stets erhalten. Allerdings weist das Suffix distributionelle und semantische Beschränkungen auf (Lüstling > *Lüstlingin; Hexe > *Hexerin).

Trotz dieser Diskrepanz kann Motion eindeutig der Wortbildung zugerechnet werden, denn Genus ist Substantiven im Deutschen inhärent und wird nicht per Flexiv ausgedrückt, auch wenn es charakteristische Wortausgänge gibt, die auf ein bestimmtes Genus hinweisen (etwa e für Feminina). Darüber hinaus entstehen durch die Suffigierung keine neuen Wortformen, sondern es lassen sich - im Gegenteil - Flexive anhängen (Dekanin[n]+en; zu den fünf Schreibvarianten geschlechtergerechter Schreibung s. Siever 2011: 98ff.).


Torsten Siever

Zitierte Literatur

Eisenberg, Peter (1998). Grundriß der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Stuttgart. mehr

Siever, Torstenm (2011). Texte i. d. Enge. Sprachökonomische Reduktion in stark raumbegrenzten Textsorten. Frankfurt/M. et al. mehr

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