Linguistik

Morphologische Wörter und ihre Bestandteile

Die Wörter einer Sprache können verschiedene Komplexität aufweisen. Ganz offensichtlich ist ein Wort wie Rosengartengärtner (oder: Amateurläuferlauf) komplexer als eines wie See oder Rasen. Dies ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass See kürzer ist (weniger Grapheme aufweist) als Rosengartengärtner, sondern nicht weiter zerlegbar ist, wohingegen in Rosengartengärtner mindestens schon die »Wörter« Rose[n], Garten und Gärtner enthalten sind. Man unterscheidet diesen Tatbestand terminologisch durch 1. Simplex (einfaches Wort) und 2. komplexes Wort (s. auch Semantik). Simplizia sind dabei die nicht weiter zerlegbaren Wörter wie See. Auch [die] Seen oder [des] Sees ist immer noch ein Simplex, da lediglich Flexionsendungen (-n, -s) angehängt sind.

Betrachtet man das komplexe Wort näher, fällt daran auf, dass zwischen Garten und Gärtner eine Beziehung besteht; zweifelsfrei besteht hier eine gewisse Doppelung: Ein Gärtner arbeitet in einem Garten. Wörter auf -er haben oft die Bedeutung ›jemand, der X tut‹: Ein Läufer läuft, ein Springer springt, ein Gärtner ›gärtnert‹. Die Verbindung zwischen diesen Wörtern ist die gemeinsame Struktur ›Ein X-er x-t‹. X ist hierbei, wenn man von der Schreibung und Umlautung absieht, identisch: Ein Spring-er spring-t, ein Läuf-er läuf-t. Wir haben es also bei Rosengartengärtner nicht nur mit drei Bestandteilen zu tun, sondern mit vieren (Rosen+Garten+Gärtn+er), die allerdings eine unterschiedliche Qualität aufweisen.

Segmentierung komplexer Wörter

Eine solche analytische Zerlegung eines Wortes in seine Bestandteile nennt man Segmentierung. Es handelt sich gewissermaßen um das gegenteilige Verfahren (oder die Rekonstruktion) des Zusammensetzens von Wörtern, der Wortbildung. Im engeren Sinn umfasst die Wortbildung nur die lexikalische Seite, womit Flexive ausgeklammert sind. Bei der Wortbildung wird also nicht zwischen den syntaktischen Wörtern Rosengartengärtner und Rosengartengärtnern unterschieden, das wortfinale -n wird also bei der Wortbildung ignoriert; es ist Gegenstand der Flexion, da es nicht die Wortbedeutung im engeren Sinn verändert, sondern lediglich grammatische Informationen hinzufügt (wie ›im Dativ Singular stehend‹). Bei einer vollständigen Wortformanalyse (s. morphologische Konstituentenstruktur) werden Flexive allerdings einbezogen und entsprechend abgetrennt. Im Deutschen ist dies entscheidend, weil eine Flexionsendung (ein Flexiv) eine Wortform im Regelfall nach rechts hin abschließt (*Räderweg, *Autosstraße; aber: Kind-er-chen).

Transparenz von komplexen Wörtern

Die Segmentierung ist bei den genannten Beispielen unproblematisch – die Wortstruktur ist transparent. Anders verhält es sich in Fällen wie Spielende oder Laktoserum. Hier kann Spiel-ende oder Spiel-end-e gemeint sein bzw. Laktose-rum oder Lakto-serum. Manchmal lässt sich wortintern die korrekte Segmentierung erschließen, bei Wortformen wie Spielende muss allerdings der Kontext die Zweideutigkeit auflösen (disambiguieren), ob eben ›Personen, die spielen‹ oder ›Abschluss eines Spiels‹ gemeint ist. Bei Laktoserum ergibt sich die Bedeutung aus der Unwahrscheinlichkeit, dass aus Laktose (Milchzucker) Rum hergestellt wird. Für die korrekte Segmentierung und damit das Verständnis ist also mehr Wissen vonnöten als bei Spielende, da nicht-native Einheiten beteiligt sind: lakto – ›aus Milch bestehend‹ und Serum ›Plasma, Flüssigkeit‹. Texte, die zweifelsfrei verstanden werden müssen (z. B. Warnhinweise) sollten solche intransparenten Wörter folglich nicht enthalten; meist hilft ein Austausch durch synonyme Einheiten (Milchserum). Eine Möglichkeit, Eindeutigkeit herzustellen, ist durch die Verwendung von Bindestrichen gegeben; diese zeigen wie in den obigen Beispielen die Segmente klar an: Spiel-Ende, Lakto-Serum. Allerdings ist dies nur bei Einheiten möglich, die frei stehen können, und damit nicht beim Partizip zulässig: *Spielend-e.

Ein verwandter Begriff ist der der Motiviertheit; er drückt die Nachvollziehbarkeit der Gesamtbedeutung eines Wortes aus der Summe der Bedeutungen seiner Einzelsegmente aus. Während Haustür als motiviert betrachtet werden kann, ist dies bei Schornstein nicht (mehr) der Fall.

Abgrenzung zur Silbe: das Morphem, seine Definition und Notation

Wichtig ist, dass die segmentierten Einheiten klar von Silben unterschieden werden. Auch wenn sie in vielen Fällen übereinstimmen (Haus-tür, Geh-weg), sind sie unabhängig voneinander zu betrachten (vgl. Kind-er-chen vs. Kin-der-chen): Silben sind Gegenstand der Phonologie, und die hier behandelten segmentierten Einheiten sind Gegenstand der Morphologie. Entsprechend spricht man bei den segmentierbaren Einheiten von Morphemen. Es handelt es sich dabei um die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten (vgl. Phoneme als bedeutungsunterscheidende Einheiten). Aufgrund des Unterschieds werden sie auch unterschiedlich markiert: Silben häufig mit Punkt (Spie.len.de), Morpheme mit – oder + (Spiel+end+e); um eine Verwechslung mit dem Bindestrich zu vermeiden, ist das + geeigneter. Wie unterschiedlich Morphe(me) und Silben ausfallen können, zeigt En.di.vi.en.sa.lat (6 Silben) bzw. Endivie[n]+salat (2 Morpheme).

Dass Morpheme die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten sind, ist nicht ganz einfach durchzuhalten. So lassen sich zwar für Kind und Haus klare Bedeutungen angeben, für lein und lich (in Kind+lein und häus+lich) allerdings schwieriger bis gar nicht. Hier haben die Morpheme weniger eine Bedeutung als eine Funktion, nämlich die Kleinheit von etwas anzuzeigen (-lein) oder ein Substantiv in ein Adjektiv umzuwandeln (-lich). Um dies zu können oder zu markieren, kann ein Morphem seine Form verändern; im Fall von häus+lich wird Haus umgelautet. Dessen ungeachtet haben beide Formen dieselbe Bedeutung! Wir haben also zwei Formen (Morphe), die zu einem Morphem gehören – wie bei den Phonemen die Phon-Varianten. Entsprechend sind Haus und Häus die Allomorphe des Morphems Haus. Notiert werden Morpheme in Majuskeln oder Minuskeln zwischen geschweiften Klammern, also {haus}.

Probleme gibt es dann, wenn nicht klar ist, ob segmentiert werden kann oder welches das Morphem ist, da unterschiedliche Segmente isoliert werden können. Ist zum Beispiel Garten als Ganzes ein Morphem? Und wie steht es dann um das Lexem Gärtner und die Verbform gärtnern? Gärtner geht auf Garten zurück, ist aber nicht nur umgelautet, sondern enthält wortfinal -er statt -en; zudem ist ein e getilgt. In solchen Fällen muss entschieden werden – unter Umständen unter Zuhilfenahme eines Herkunftswörterbuchs –, ob es eine gemeinsame Basis gibt. Wie bei den Phonemen (Minimalpaar-Ermittlung) müssen hierzu ähnliche Formen betrachtet und anschließend Regularitäten isoliert werden. -er ist beispielsweise regelhaft für Personen, die regelmäßig etwas tun: Fahr+er, Läuf+er, Schweiß+er. Schwierig ist, dass dieser Wortausgang auch in anderen Wörtern vorkommt und ihm hier diese Bedeutung nicht zukommt; in Mutter etwa ist -er kein Morphem, sondern die ganze Form als solche: {mutter}.

Neben den nicht-leeren Morphemen wird meist auch von leeren Morphemen, dem Nullmorphem ausgegangen. Dies liegt vor allem bei Flexiven vor. So wird etwa der Dativ Singular und Nominativ Plural bei Kater nicht markiert; um die häufige Markierung von Kasus außer Nominativ oder Plural aufrecht zu erhalten, wird daher ein Nullmorphem, genauer Nullallomorph angesetzt (s. Tab. 1).

 SgPl
NomKater-øKater-ø
GenKater-sKater-ø
DatKater-øKater-n
AkkKater-øKater-ø

Tab. 1: Paradigma von Kater

 

Morphemkategorien und -klassen

Morpheme können frei oder gebunden vorkommen. Flexive kommen nur gebunden vor, was bedeutet, dass -st nur in geh+st, renn+st, kann+st etc. realisiert sein kann, nicht aber isoliert als *st. Man spricht dann davon, dass Morpheme nicht wortfähig sind. Wortfähig hingegen sind alle freien Grundmorpheme wie {mutter, sonne, berg}, allesamt lexikalische Morpheme. Es gibt allerdings auch nicht-freie lexikalische Morpheme, viele Verbstämme wie {addier, grins, ess} zum Beispiel, die nur in Verbindung mit einem anderen Grundmorphem (ess+tisch), einer Infinitivendung (ess+en) oder einem anderen gebundenen Morphem (ess+bar) stehen können. Lexikalisch, aber gebunden sind auch Morpheme, die nur (noch) einmal vorkommen: {brom} in Brom+beere oder {schorn} in Schorn+stein; man spricht von unikalen Morphemen – echte Unikate eben.

Zu den gebundenen Morphemen gehören neben den Flexiven diejenigen Morpheme, die zur Ableitung wie frei+heit/+lich verwendet werden. Dies sind wie schon die Flexive grammatische Morpheme. Es gibt allerdings auch freie grammatische Morpheme wie die Pronomen {dies, dein} und unflektierbare Partikeln wie {und, durch, obwohl}.

Auf andere Weise klassifizieren lassen sich Morpheme in die offenen und die geschlossenen. Die geschlossene Klasse beinhaltet eine sehr stabile Gruppe von Morphemen, die praktisch nicht erweitert wird. Die offene hingegen kann (und wird) durch Wortbildung ständig erweitert.

Zusammenfassend gibt es folgende Morphemklassen:

  • freie (haus, mit) und gebundene (kau-[en]),
  • lexikalische (haus, kau-[en]) und grammatische ([kau]-en, mit),
  • offene (chill, sims) und geschlossene (mit, durch).

 

Mehr zum Thema

Weitere Informationen zu den beiden Teilbereichen der Morphologie:

Wortbildung (Komposition, Derivation etc.)

Flexion (Konjugation und Deklination)

 

Empfehlenswerte Literatur:

Eisenberg, Peter (2004). Grundriß der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. 2. Auflage. Stuttgart.

Fleischer, Wolfgang & Irmhild Barz (1995). Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 2. Auflage. Tübingen.

Simmler, Franz (1998). Morphologie des Deutschen. Flexions- und Wortbildungsmorphologie. Berlin.


Torsten Siever

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