Linguistik

Ist das Deutsche eine flektierende Sprache?

Natürlich würde niemand ernsthaft eine solche Frage anzweifeln. Flektierende Sprachen zeichnen sich ja dadurch aus, dass Kasus, Numerus, Person, Aspekt usw. (oder Teile davon) durch morphologische Mittel ausgedrückt werden; und zwar derart, dass (veränderbare) Wortarten mit Flexiven ausgestattet werden, die durchaus verschiedene 'Informationen' enthalten können, sodass mehrere Flexive miteinander verschmolzen sind; so sind im Flexiv -st (malst, kochst) neben 2. Person auch Singular und Präsens codiert. In dieser so genannten Fusion unterscheidet sich die flektierende Sprache von einer agglutinierenden.

Prototypische Vertreterinnen von agglutinierenden Sprachen sind Finnisch und Türkisch. Hier existiert praktisch für jede Bedeutung ein eigenes morphologisches Mittel (z.B. Suffix). Kennzeichen der agglutinierenden Sprachen ist ein hoher Ikonismus zwischen Ausdruck und Inhalt bzw. Form und Funktion. Aufgrund dieser Eindeutigkeitsrelation findet die für flektierende Sprachen typische Fusion praktisch nicht statt, wenngleich im mündlichen Gespräch die Sprachgemeinschaft natürlich typische Bequemlichkeitsanpassungen vornimmt (Assimilation, Elision etc.).
Das Vietnamesische kennt all diese Maßnahmen nicht – hier spricht man von einer isolierenden Sprache, denn beispielsweise der Plural wird nicht etwa durch ein Suffix ausgedrückt, sondern mittels eines weiteren voran- oder nachgestellten Wortes mit der Bedeutung 'Masse' (Wir etwa heißt Chúng tôi – 'Viele Ich').

Ist das Deutsche also schlicht flektierend? Hierzu soll das Paradigma von Kind etwas genauer betrachtet werden. In der Regel macht es Sinn, Übereinstimmungen (Synkretismen) zusammenzufassen, um ebendiese oder Ausreißer offen zu legen. In Tabelle 1 ist dies bereits geschehen, indem der Akkusativ zwischen den Nominativ und Genitiv geschoben worden ist. Daran lässt sich gut ablesen, dass die Kasus Nominativ und Akkusativ eine starke Übereinstimmung im Singular haben. Dies ist nicht immer der Fall (vgl. Riese/Riesen), wohl aber beim Plural: Im Deutschen stimmen im Plural mit Ausnahme des Dativs alle Wortformen überein. Der Dativ ist also der markierte Fall, im Plural mehr als im Singular, wo das Dativ-e von der Sprachgemeinschaft abgebaut wird (dem Kinde ist recht ungebräuchlich außerhalb der Literaturwelt und jenseits von Idiomen wie Wie sag' ich's nur dem Kinde?). Ebenfalls markiert ist noch der Genitiv mit -(e)s, allerdings nur im Singular.

 SgPl
NomKindKinder
AkkKindKinder
GenKindesKinder
DatKind(e)Kindern

Tab. 1: Paradigma nach Synkretismen

Am auffälligsten ist jedoch der Plural. Segmentiert man die Flexive, ergibt sich Tab. 2. Daran ist nicht nur sehr gut erkennbar, dass das Segment -er in allen Kasus vertreten ist, sondern ebenfalls, dass es im Singular nicht vertreten ist. Es ist prototypisch für das Deutsche, dass der Pl derart stark markiert ist, vor allem bei den Feminina, die im Sg grundsätzliche keine Flexive aufweisen. Die Regelmäßigkeit des er-Plural ist allerdings, wie oben beschrieben, nicht etwa das Kennzeichen flektierender Sprachen, sondern agglutinierender. Das flektierende Deutsche weist also durchaus auch Züge von Agglutination auf (ebenfalls beim Präterital-t, vgl. Tab. 3).

 SgPl
NomKindKind-er
AkkKindKind-er
GenKindesKind-er
DatKind(e)Kind-er-n

Tab. 2: Segmentiertes Paradigma

Auf der anderen Seite gibt es auch Konstruktionen, die stark an isolierende Sprachen erinnern. Wir haben zwar – anders als das Vietnamesische – eine eigene Wortform von ich für Nominativ Plural (wir). Ein Blick auf die Verben macht jedoch etwas Interessantes deutlich: Zwar werden Präsens und Präteritum mittels morphologischer Mittel gebildet. Das Perfekt allerdings nicht (am Vollverb): [ich] backe, buk, aber habe gebacken. Flektiert wird nur das Hilfsverb, der Rest der Bedeutung 'Perfekt' ist – abgesehen vom Partizip – der Syntax geschuldet. Solche Bildungen werden als analytische Verbformen bezeichnet, und diese erleben im Deutschen einen Trend. Ablesbar ist dies am Konjunktiv I und II: Von wiederum literarischen und journalistischen Texten abgesehen, verwendet die deutsche Sprachgemeinschaft vorwiegend die (analytische) Umschreibung mit konjunktivischem werden + Infinitiv wie in Ich würde hingehen – zu Lasten der beiden synthetischen Formen gehe und ginge. Der Grund hierfür liegt nahe: Nicht sämtliche Paradigmen müssen erlernt bzw. abgerufen werden, sondern nur das (hochfrequente und dadurch wenig belastende) werden-Paradigma; die Infinitivbildung ist regelmäßig und stellt keine große Anforderung dar. Ökonomie spielt hierbei folglich eine große Rolle. In Bezug auf die eingangs gestellte Frage ist jedoch entscheidend, dass analytische Formen ganz und gar nicht Merkmale einer flektierenden Sprache sind, sondern die einer isolierenden.

 SgPl
1.mal-t-emal-t-en
2.mal-t-estmal-t-et
3.mal-t-emal-t-en

Tab. 3: Agglutination beim Präteritum

Dennoch ist das Deutsche natürlich als flektierende Sprache zu bezeichnen, denn in der Mehrzahl der Fälle zeichnet es sich durch Flexion (mit Fusion) aus. Was den Abbau von Komplexität betrifft, ist das Deutsche sogar noch recht konservativ. Ein Blick über die Nordsee zeigt, dass andere Europäer dabei schneller vorgegangen sind. Aber Entwicklungen am Dativ, Genitiv und den Verben zeigen, dass auch das Deutsche in diese Richtung geht.

 

Literatur

Eisenberg, Peter (2004). Grundriß der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Stuttgart. 2. Auflage.

Ronneberger-Sibold, Elke (1980). Sprachverwendung – Sprachsystem. Ökonomie und Wandel. In: Linguistische Arbeiten. Hrsg. v. Herbert E. Brekle et al. Bd. 87. Tübingen.


Torsten Siever

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Samstag, 19. Juni 2010 Gast