Linguistik

Was ist eigentlich Morphologie?

Mit dem Begriff Morphologie verbindet man erst einmal weniger die Sprachwissenschaft, als vielmehr Gebiete wie Biologie, Medizin oder Geologie. Tatsächlich hat sich August Schleicher auch dieser Disziplinen bzw. ihrer Terminologie bedient und den Begriff für die Sprachbeschreibung übernommen. In den Ursprungsdisziplinen wird damit die Form oder Gestalt (des Körpers, der Pflanzen, der Erdoberfläche etc.) bezeichnet sowie die dahinterliegenden Gesetzmäßigkeiten. Geschaffen wurde die Neubildung allerdings von einem Literaten: Johann Wolfgang von Goethe formte ihn für die Beschreibung von Natur und Lebewesen aus morphé (griechisch für 'Form, Gestalt') und -logie (von lógos – 'Lehre, Wort') gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Mit Morphologie wird in der Sprachwissenschaft die Analyse und Beschreibung von Wörtern verbunden, die einerseits auf ihre lexikalische Struktur ausgerichtet sein kann (bspw. Wald-weg), andererseits auf ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen im Zusammenspiel mit anderen Wörtern, etwa bei [wegen des] Waldwegs, [hier geht es zum] Waldweg oder [die schönen] Waldwege.

 SgPl
NomWegWege
GenWegesWege
DatWeg(e)Wegen
AkkWegWege

Tab. 1: Die Wortformen von Weg

Letzteres ist Gegenstand der Flexionsmorphologie, die sich – sehr schlicht und unvollständig formuliert – mit den Paradigmen von Wörtern (s. Tab. 1) beschäftigt, also mit dem, was bei einer Fremdsprache wie Französisch oder Spanisch neben dem Wortschatz mühsam erlernt werden muss – man denke an unregelmäßige Verben etc. Der Nutzen dieser Flexion ('Beugung') besteht aus der Codierung von grammatischen Informationen. So können Sprecher des Deutschen dank der Flexion sowohl Der Vater ruft den Sohn als auch Den Sohn ruft der Vater bilden; das Objekt Sohn ist durch den Artikel den (gegenüber der beim Subjekt) gekennzeichnet. Im Englischen etwa ist dies nicht durch morphologische Mittel möglich, sondern nur über zusätzliche Wörter: The father calls the son ist eben nicht austauschbar mit The son calls the father. Soll das Objekt vor dem Subjekt stehen, um es beispielsweise hervorzuheben, bedarf es umfänglicherer Arbeiten (Passivbildung): The son is called by the father.
Folglich sind Wörter nicht nur einfach lexikalische Wörter aus einem Lexikon. Wörter wie sommerliche, das, Wetter tragen verschiedene Informationen in sich, wie etwa ein Genus, Numerus oder Kasus. Die aus den drei jeweiligen Paradigmen zu wählenden (syntaktischen) Wortformen werden durch die Anordnung bzw. Funktion der jeweiligen Wörter im Satz bestimmt. So ergibt sich für die drei Beispiele der Satz das sommerliche Wetter. Dass sommerliche stehen muss und nicht sommerlicher folgt aus der syntaktischen Regel, dass die Wortformen in einer Nominalphrase miteinander übereinstimmen (kongruieren) müssen. Dieser engen Verzahnung von Morphologie und Syntax (Morphosyntax) kommt es zu, dass einige Wissenschaftler eine eigene Teildisziplin »Morphologie« in Frage stellen und diese innerhalb der Syntax behandeln.

Doch nicht nur Wortparadigmen gehören zur 'Formenlehre' einer flektierenden Sprache. Neben der Flexionsmorphologie lässt sich eine Wortbildungsmorphologie ansetzen, die sich nicht mit der Bildung von (syntaktischen) Wortformen befasst, sondern mit ihren Grundformen oder 'Stämmen'. Mit anderen Worten gehört all dasjenige zur Wortbildung, was nach Abtrennung von Flexionsmerkmalen übrig bleibt – im oberen Beispiel sommerlich+es also sommerlich, bei Waldweg+e entsprechend Waldweg. Zwar interessiert auch hier die Bildung von Wörtern, allerdings auf einer anderen als einer syntaktischen Ebene. Im Zentrum stehen Fragen wie »Ist ein Waldweg eine besondere Art von Weg?«, »Was macht -lich und kann man es an alle Wörter anhängen oder nur an eine bestimmte Gruppe oder Wortart?«, »Ist ein Wort wie unkaputtbar nicht ungrammatisch, weil -bar sich nicht an Adjektive anhängen lässt? Es 'klingt' immerhin ungrammatisch.«
Vorwiegend zur Wortbildung gehört ferner die Frage nach Wortbestandteilen (Segmenten) und ihren Bedeutungen. In den meisten Einführungsbänden werden »kleinste bedeutungstragende Einheiten«, die Morpheme, definiert, wonach Wald+weg aus den Morph(em)en Wald und Weg besteht, denn weder aus Wald noch aus Weg lassen sich kleinere Bestandteile mit einer Bedeutung herauslösen (*Ald, *We). Aber hat auch ver- in ver+gessen eine Bedeutung, und wie ist die von -lich und -bar?

Trotz der relativ gut abzugrenzenden Arbeitsfelder der Flexions- und Wortbildungsmorphologie können sie nicht vollkommen unabhängig voneinander betrachtet werden, was aus dem letzten Beispiel bereits hervorging. In der Wortbildung sommerlich etwa bestimmt das Suffix -lich neben der Wortart auch den Flexionstypen. Auf der anderen Seite schließt im Deutschen ein Flexionssuffix wie -e in sommerliche ein Anhängen eines weiteren Wortbildungssegmentes aus: *Sommerliche-keit ist ungrammatisch. Darüber hinaus werden für Flexion und Wortbildung teilweise dieselben morphologischen Mittel eingesetzt (Affigierung, Umlautung), gegenüber solchen, die exklusiv der Wortbildung vorbehalten sind (z.B. Präfigierung).


Weitere Informationen zu den Teilbereichen

Flexion

Wortbildung


Torsten Siever

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