Linguistik

Berliner Wörterbuch: Einleitung

Ungeschriebene Sprache des Alltags! Schriebe sie doch mal einer!
Genau so, wie sie gesprochen wird: ohne Verkürzung, ohne Beschönigung, ohne Schminke und Puder, nicht zurechtgemacht!
Man sollte mitstenographieren!

Kurt Tucholsky

Auch wenn es dem Leser vielleicht nostalgisch erscheint, so muß am Anfang eines Berliner Wörterbuches auf das vielzitierte Urteil über die sprichwörtliche „Berliner Schnauze" verwiesen werden, die nämlich nicht nur von Berlinern, sondern ebenso von „Auswärtigen", von „Wessis" als „berühmt, berüchtigt und gefürchtet" charakterisiert wird. Berühmt, weil die Berliner Schnauze berüchtigt ist und dies wiederum, weil sie gefürchtet wird.

„Gefürchtet vom wem?", fragte mich einmal ein Engländer, dessen Schwarzer Humor den trocken plazierten Pointen eines schlagfertigen Berliners in nichts nachstand. Zum Glück sprach Mr. Brown ein gepflegtes Deutsch, so daß er mein Pidgin-Englisch nicht ertragen mußte, als ich ihm eine Anekdote von Hugo Hillmann erzählte, einem Berliner Taxifahrer, der zu den interessantesten Menschen zählt, denen ich in meinem Leben bisher begegnet bin. Hugo Hillmann erzählte mir also folgende Story, die ich meinerseits Mr. Brown zum Besten gab.

„Stell dir mal vor", sprach Hugo Hillmann mich mit gedämpfter Stimme an, „ick muß ja ooch ’ne Strafe bezahl’n beim Finanzamt."

„Ja? wieso’n das?", fragte ich etwas erstaunt zurück, „’ne Ordnungsstrafe", entgegnete er kurz und trocken. Er wollte mich wohl auf die Folter spannen! Jedenfalls hakte ich ungeduldig nach: „Warum denn?"

„Na ja", fuhr er fort, „bin hinjefahr’n und hab jefragt, warum die den Lohnsteuerjahresausgleich noch nicht fertig ham nach ’m halben Jahr. Ick will mit meine Enkelkinder in Urlaub fahr’n. ‚Na ja’, sagt der, ‚wird doch überwiesen.’ Ick sage: ‚Dit spielt doch keene Rolle, ob dit überwiesen wird oder nich. Denn Ende September’, sag ick, ‚kann ich ja keenen Einspruch mehr erheben.’ Weil ick ja vorjet Jahr Einspruch erhoben hatte, wa, da hab ick nachher beinah nochmal ditselbe jekriegt wie vorher!"

„Tatsächlich?", fragte ich mit Skepsis in der Stimme. „Mhm", bestätigte er und machte eine kurze Pause. „Nu hab ick jesacht, na ja, werd ick mal dieset Jahr frühzeitig machen, damit de wieder Einspruch erheben kannst und wenn ick denn wieder wat krieje, dann laß ick dit inne Zeitung setzen, denn seh ick nämlich daran, daß die bewußt die Bevölkerung über’t Ohr hau’n. – Na ja, nu hab ick dem da’n Glas Schnecken jeschickt."

„Was geschickt?", platzte ich dazwischen, um im selben Augenblick zu begreifen.

„Schnecken. Hab ick noch’n Zettel ranjeschrie’m, die möchten vorsichtig sein, daß se von de Schnecken nich während der Arbeitszeit überholt werden."

Wie sachkundige Kreise der Oberfinanzdirektion verlauten lassen, sollen seitdem in den Kantinen der Berliner Finanzämter regelmäßig Weinbergschnecken angeboten werden. Dies erinnert mich an eine andere Geschichte, in der zwar nicht Weinbergschnecken, aber ebenfalls kulinarische Spezialitäten, bzw. das, „wat Feinschmecker is oder so wat", eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Wie jeder Berliner ziehe auch ich den Einkauf in einem Tante-Emma-Laden dem Wareneinsammeln im Supermarkt vor. Während in jenem das Gespräch sich auf „37,50. – Bitte. – Danke." und vielleicht noch ein „Auf Wiederseh’n!" reduziert, bildet der Tante-Emma-Laden eine ökologische Nische im Kommunikationssystem, ein Biotop der Kommunikation sozusagen. Als ich neulich wieder einmal in meinem kleinen Laden einkaufen ging, wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen der zierlichen, mir wohlbekannten Verkäuferin, Frau Meyer, und einem Kunden, der sie um zwei Haupteslängen überragte.

„Sind Se schon mal in KaDeWe drin jewesen? Ham Se da schon mal wirklich Kostproben jenommen’?", tönte es lautstark von oben. „Da könn’ Se wirklich allet probieren, ja, aber der größte Teil, allet wat Feinschmecker is oder so wat, ja, also ick muß Ihn’ janz ehrlich sagen, entweder ham die dit schlecht zurechtjemacht oder ick hab ’n janz jemeinen Jeschmack, daß ick ’ne Erbsensuppe mir vorziehe, bevor ick da so’n Quark esse. Weeß ooch nich."

„Na ja", hörte man eine zarte Stimme einwenden, „also ich hab vor kurzem Wachteln gemacht ..."

„Wachteln?", platzte der Kunde dazwischen, „so ’ne kleenen niedlichen, wa? Da is mir’n Jänsebraten lieber."

„Quatsch, nee, ehrlich, das is ’ne Leckerei. Da is mehr dran als Sie denken."

„Na ja, aber trotzdem. Wieviel essen Se davon? ’n Dutzend oder wat?"

„Aber nich doch, wenn dann machen Se doch ..."

„Als Vorspeise mein ick jetz. Wie groß is dit Vieh? Unjefähr so groß?" Er ballte die Faust und deutete damit die Größe einer Wachtel an.

„Ach, so groß is se nich mal", widersprach Frau Meyer.

„Na seh’n Se! So, wat ham Se dran? Zehn Gramm, fuffzehn Gramm, zwanzig Gramm? – Dreißig Gramm? Na ja, ick meine ohne Knochen, die ißt man ja nich mit."

„Nein!", protestierte Frau Meyer, „ach Mensch, mach ick doch so Wachteln und ’n bißchen davon und ’n bißchen davon und so."

„Na ja, ick meine, wenn ick Gulasch krieje, dann muß ick ma ooch nich anne Kartoffeln satt essen. Dit weeß ick!" Frau Meyer seufzte resignierend in sich hinein.

„Nee wirklich", berlinerte es weiter, „dann jeh ick lieber hier zu dem Chinesen jejenüber, der is nämlich sehr jut. War’n Se schon mal drin?"

„Na ja, aber dit is ...", ‚recht teuer’ wollte Frau Meyer fortfahren, aber schon sprudelte es weiter:

„Da hab ick det Menü jenomm’, fünf Gänge, fuffzehn Mark bezahlt, ich denke, ich spinne, ja!"

„Fünfzehn Mark?", fragte Frau Meyer dazwischen und wuchs in ihrer Ungläubigkeit um sieben Zentimeter.

„Fünfzehn Mark pro Neese, is ja klar. So. Da kommt der an, stellt der zwee Schüsseln Reis hin, für fünf Mann. Ick denke, wat is’n dit für ’ne lappische Bedienung hier, wer soll’n davon satt werden? Der Reis is übrigjeblieb’n! Ja, denn ham se so süßsauren Schweinemagen und so wat allet. Fünf Sorten Fleisch krieg’n Se da uff so’n Teller. Ick dachte, dit darf ja nich wahr sein. Vorher so’ne Sauerscharfsuppe."

„Die is mir zu scharf", war der letzte Versuch eines Einwandes.

„Nee, dit is dit Leckerste von allen. Und dit allet für fünfzehn Mark, da springt keen Hund mit Sportabzeichen drüber." Die abschließend zitierte Äußerung beendete das Gespräch wie der Punkt einen Satz und hat das Format einer bleibenden Berliner Redewendung. Man stelle sich vor:

„Mensch Kalle, haste die jeseh’n?"

„Da springt keen Hund mit Sportabzeichen drüber."

Oder: Eine Parteispende wird übergeben. Schnitt/Nahaufnahme eines Berliners/Kommentar: „Dit is dit Leckerste von’t Janze. Da springt keen Hund mit Sportabzeichen drüber." U.s.w.

Redewendungen werden in Alltagssituationen geboren, werden umgedeutet, in neue Zusammenhänge gebracht, einige Elemente werden durch andere ersetzt, nach dem Motto: variatio delectat:

  • Der sieht aus wie der Graf von Monte Christo. (Graf Koks)

  • Wie du Schmalz jeraspelt hast! (Süßholz)

  • Rejelrecht war ick uff de Birke. (Palme)

  • Denn freß ick ’n Nuckel uff. (Besen)

  • Geld looft nich. (stinkt)

  • Gleiche Länge, gleiche Welle.

  • Paß uff, sonst brichst de dir die Ohren. (den Hals)

Soweit einige Beispiele von Redewendungen, die zum festen Repertoire des Berliners gehören. Und was meine Großmutter mütterlicherseits betrifft, die seit über 80 Jahren das Wasser die Spree hinunterfließen sieht, so ist ihr Repertoire an Berliner Redewendungen noch um einiges umfangreicher. Nicht etwa, daß sie eine besonders sprachpflegerische Einstellung hätte, nein, sondern einfach, weil es so ist, wie es ist, wenn man „anner Plumpe" aufgewachsen ist. „So is det eben", und sie spricht wirklich noch das „det" mit offenem e, daß man am liebsten ein ä schreiben wollte.

Meine Großmutter ist überhaupt ein Wunder an sprachlicher Kreativität und die Repräsentantin des Berliner Wortschatzes schlechthin. Noch lebhaft ist mir die Äußerung in Erinnerung, mit der sie in meiner Kindheit die quängelnden Fragen beschrieb:

„Oma, wann[] jibt’s wat zu essen?"

„Jips jibt’s inne Jipsfabrik."

Wer wollte dem widersprechen?

Dieser existentielle Satz konfrontiert uns mit einem Prinzip, das Sprachwissenschaftler als homophones (homophon = gleichlautend) bezeichnen. Ein Sprachwissenschaftler würde uns vielleicht erklären: Der Gleichklang zwischen „Jips" und Jibt’s" rührt daher, daß in beiden Fällen das g spirantisiert wird. Das b wird im Deutschen generell vor stimmlosen Segmenten stimmlos, also „jibt" als „jipt" gesprochen. Das Pronomen „es" wird enklitisch an das Verb gebunden und schließlich wird das Konsonantencluster simplifiziert durch Tilgung des t. Kurzum:

(gibt es) Ø gipt es Ø jipt es Ø jipts Ø jips und Gips Ø Jips.

Meine Großmutter würde schlicht und ergreifend kommentieren: „Null uff’s Ferd", was zwar homophon zu „Null ouvert" ist, aber nicht die Bedeutung von „Null Bock uff ja nischt" hat. Und Adolf Glaßbrenner würde vielleicht antworten: „Det is ja janz coltiviert, aber meine Viehlosophie is et nich."

Meine Großmutter liebt den Berliner Humor à la Glaßbrenner und hält sich gerne an die berühmte Oper von Verdi: „Der Riegelotto, der is zu schöne!" Was wohl der „Schreifritz" dazu sagen würde?

Allmählich dringen wir in die Geheimnisse des Berliner Wortschatzes ein und es läßt sich nicht leugnen, daß wir dabei immer tiefer in das sprachwissenschaftliche Dickicht verstrickt werden. Der „Riegelotto" ist nämlich der sprachliche Zwillingsbruder vom Rigoletto, aber ein zweieiiger, denn völlig identisch sind sie nicht. Was dem einen sein e, ist dem andern sein o:.

Wortbildungen, die auf Vertauschung von Buchstaben bzw. Lauten oder Wortteilen beruhen, nennt man Anagramme. (Ich grüße mein „Lästerschwein".) Auf’s anschaulichste erlebte eine Kollegin von mir die Entstehung eines Anagramms. Als sie eines heißen Sommertages an einer – nunmehr in der Berliner Geschichte zur Legende werdenden – Würstchenbude stand, um nicht eine Bulette, vielmehr eine erfrischende Selter zu kaufen, trank neben ihr ein offensichtlich recht durstiger Mann ein kühles Bier in einem Schluck aus, ließ einen kleinen Rülpser vernehmen und forderte prompt „noch ’ne Mollekühle." Was ein Molekül ist, findet man in jedem Wörterbuch, aber man muß schon Berliner sein und/oder wissen, daß Molle nicht unbedingt eine dickliche Frau bezeichnet, sondern schlichtweg ein Glas Bier. So wird aus der „kühlen Molle" die „Mollekü(h)le". Dem Erfinder dieses Neologismus sei ein gewisses Recht auf Unsterblichkeit unbestritten, auch wenn wir seinen Namen nicht kennen. Mein Freund A. indes gibt sich mit den irdischen Dingen des Lebens zufrieden und erhebt Anspruch auf das Urheberrecht für das Wort „raffitückisch". Dieses Recht sei ihm hiermit verbrieft.

„raffitückisch", zusammengeschmolzen aus „raffiniert" und „tückisch" gehört zu jener Klasse von Wörtern, die heute allgemein als Portmanteau-Wörter bezeichnet werden und in denen, wie in einem Koffer, mehr als zwei Bedeutungen zusammengepackt sind. In James Joyce’ „Finnegans Wake" gibt es derer Hunderte und Lewis Carroll erklärt uns in seinem Buch ‚Through the Looking Glass’ (Alice im Spiegelland) die Bedeutung des Wortes „slithy": „Well, slithy means ‚lithe’ and ‚slimy’. Lith is the same as ‚active’. You see it’s like a portmanteau – there are two meanings packed up into one word."

Im Berlinischen tritt das Wort „krimitiv" auf, in Ost-Berlin wurde die Junge Pionierin spöttisch „Pionöse" benannt, ein Wort, das wohl aus „Pionierin" und „Balletteuse" entstanden ist. Und so wie im Deutschen grammatisches und natürliches Geschlecht oft dann auseinanderfallen, wenn in der Wortbedeutung das natürliche Geschlecht besonders, meist negativ markiert werden soll (man denke an Memme, Tunte), so hat der Zusammenfall von zwei Wortbedeutungen zu einem Wort im Berlinischen oft einen satirischen Charakter. Warum satirisch, wird der Leser fragen, der bis hierher den verschlungenen Pfaden durch das Berliner Dialektlabyrinth gefolgt ist, und es sei noch einmal an meinen bereits erwähnten Freund A. erinnert, der nämlich Zeuge eines Vorfalls wurde, aufgrund dessen er sich eines Kommentars nicht enthalten konnte. Der eben erwähnte A. mußte während seines Architekturstudiums ein Praktikum auf einer größeren Baustelle absolvieren. Wie jedermann weiß, zählt dort die intellektuell verschraubte Ausdrucksweise wenig, der markige, treffende Spruch viel. Am ersten Arbeitstag, pünktlich um neun Uhr, saß mein Freund mit seinen Kollegen in der Baubude, um das Frühstück einzunehmen. Während er sich genüßlich einen Tee aus der Thermosflasche eingoß, knallte sein Gegenüber eine Bierflasche auf den Tisch.

„Sag mal, kannste überhaupt ’ne Bierflasche uffmachen? Paß mal uff!" Der Bier-Flaschen-auf-den-Tisch-Knaller holte einen Nagel aus der Hemdtasche (er hatte immer einen solchen bei sich) und setzte ihn mit Schwung am äußeren Rand des Kronkorkens an. Schwupp. Der Krondeckel allerdings beschloß, nicht in hohem Bogen durch die Luft zu fliegen, sondern dem Nagelfetischisten und der Kraft der rohen Gewalt die Sympathie mit dem Flaschenkopf und mit A. entgegenzusetzen, worauf dieser in Solidarität mit dem Kronkorken verlauten ließ: „Dit is ja wirklich raffitückisch!" Sprach’s und wickelte seine Stulle aus dem Butterbrotpapier aus.

In der Veränderung von Wörtern ist der Berliner einsame Spitze: Akademie wird zu Ake(de)mie, Singakademie zu Singepedemie, die DDR lautmalerisch zu Däderädä, in der die Funktionäre, versammelt im Ballast der Republik, Kaderwelsch reden. (Man achte bei „Ballast" auf die subtile Anspielung auf die Sachsen, die ja bekanntlich alle Verschlußlaute am Wortanfang stimmhaft sprechen.)

Lautvariation als Sprachwitz hat in Berlin Tradition. Bei Glaßbrenner zum Beispiel, einem Meister des Klangwitzes, wird Aktionär zum Aktionärsch, die Guillotine zu Julejottdiene und der Boulevard zum Bullewarze.

Klangvariation ist eine Witztechnik par excellence, was bereits Sigmund Freud erfreut festgestellt hat: „Man kann zunächst dasselbe Material von Wörtern nehmen und nur etwas an der Anordnung derselben ändern. Je geringer die Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfängt, verschiedener Sinn sei doch mit demselben Wort gesagt, desto besser ist in technischer Hinsicht der Witz." Umgekehrt läßt sich sagen: Der Berliner ist witzig und schlagfertig, deshalb beherrscht er die Technik des Wortwitzes perfekt.

Neben den bereits erwähnten Techniken gehört die Akzentverschiebung wie z.B. mehrére anstelle von mehrere ebenso zur sprachlichen Kompetenz des Berliners, wie jenes im Deutschen vorwiegend in der Kinder- und Werbesprache angewandte Prinzip, das man als Reduplikation bezeichnet. Es funktioniert nach dem Schema „aus eins mach zwei" und äußerte sich bei meiner Tochter Simone in „töff töff" und „wau wau". Vielleicht weil sich der Berliner ein Stück kindlicher Unschuld bewahrt hat, ist ihm das Doppelgemoppelt-Prinzip bestens bekannt: plemplem, aber auch Tingeltangel sind Belege dafür. Durch Wortreduplikation wird in allen Sprachen der Welt entweder eine Bedeutungsabschwächung oder -steigerung erreicht. Wird z.B. im Chinesischen das Schriftzeichen für Baum verdoppelt, so entsteht das Schriftzeichen für Wald, und sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, so befindet man sich im Dickicht, was dann durch Verdreifachung des Schriftzeichens für Baum ausgedrückt wird. Im Berlinischen ist mit der Verdoppelung immer eine Intensivierung verbunden: Wer plemplem ist, gilt als völlig verrückt. Und auch piepegal folgt diesem Muster: „Dit is ma piepe" meint „Das ist mir egal", während „Dit is ma piepegal" den Grad der Gleichgültigkeit noch um einiges erhöht. Wollen wir hoffen, daß dem Leser die kleinen sprachwissenschaftlichen Exkurse nicht „schnurz und piepe" sind.

Wohlwissend und im Bewußtsein der Tatsache, daß Ab- und Ausschweifungen zu einem glücklichen Ende kommen sollten, und auch auf die Gefahr hin, daß uns der Vorwurf der Akribie nicht erspart bleibt, seien noch der Hang zu Abkürzungen wie Idi, j.w.d. oder d.b.d.d.h.k.p. erwähnt sowie die äußerst produktive Vorsilbe ab- (abbumsen, abklavier’n, abtanzen), die zur ständigen Bereicherung des Berliner Wortschatzes beiträgt.

C’est ça, könnte man nun meinen und mit einem abschließenden Satz die Vorspeise beenden. Dagegen spricht allerdings nicht nur die Verwendung des Französischen am Anfang dieses Absatzes und die noch offene Frage, warum das Berlinische mit französischen Wörtern gespickt ist. Vielleicht interessiert den Leser auch, daß 1873 die erste Sammlung Berliner „Ausdrücke und Redensarten" von Trachsel vorgenommen wurde, welche – wie er schreibt – ihm „theils selbst zu Ohren kamen, theils von zahlreichen Freunden aus allen Klassen der Gesellschaft als Hofräthe, Finanzräthe, Gerichtsräthe, Doctoren, Professoren, Ärzte, Officire, Beamte, Lehrer, Studenten, Rentiers, Künstler, Kaufleute, Gewerbetreibenden usw. gütigst mitgetheilt wurden." Und bereits fünf Jahre später erschien der x-fach aufgelegte „Richtige Berliner in Wörtern und Redensarten" von Hans Meyer, einem Lehrer des traditionsreichen „Grauen Klosters". Möglicherweise fragt sich auch der eine oder andere, ob dieses oder jenes Wort „wirklich" berlinisch ist, wenn man bedenkt, welchen zahlreichen Einflüssen das Berlinische als Stadtdialekt unterliegt und wie weit es in die Mark Brandenburg und noch weiter hinaus ausstrahlt.

Oder aber der Leser hat eventuell heute jene Perle der Berliner Speisekarte verspeist, die an Currywurstbuden unter dem Namen Bulette verkauft wird und für die die Berliner noch einige andere Bezeichnungen parat haben:

Bäckerbraten, Gummimuffe, Semmeltörtchen, Hackding, gebratene Schrippe, Hundepuffer, heiße Schrippe, Schappipuffer, Kampfbrötchen, gehackter Molli, Schrippenpuffer, Panzerplatte, Vollkornschnitzel, Prachtschinken, Bremsklotz, Satansbraten, Bulli, Tellermiene,Chansonettenbrüstchen, Todesknolle, Eternitplätzchen, Traberpastete, Gummihacken, Wanderbulette, Gummipuck, Zuchthauspastete

Wie unter den bevorzugten Fast-Food-Fleischprodukten der Bayern der Leberkäs, steht bei den Berlinern die Bulette hoch im Kurs. Während erstere jedoch sich des Fleischgehalts ihres „Kas" recht sicher sind, sehen die Berliner offensichtlich einen starken Einfluß des Bäckereihandwerks bei der Herstellung des „Fleischkügelchens", als welches die Hugenotten die „boulette" mitbrachten.

„Mitbrachten" ist vielleicht ein unzutreffender Ausdruck, der eher an Touristen und Souveniers erinnert, denn an Glaubensflüchtlinge (Réfugiés) wie die Hugenotten, die aufgrund des Potsdamers Edikts 1685 sich in Brandenburg ansiedeln durften, wobei ihnen Steuerprivilegien, freie Religionsausübung und eine eigene Schule zugesichert waren. Natürlich holte der Große Kurfürst die französischen Protestanten nicht aus Nächstenliebe oder weil er der französischen Küche und dem Pariser Chic besonders zugetan war ins Land: Der dreißigjährige Krieg hatte Brandenburg ausgeblutet und die Hugenotten waren als erstklassige Handwerker, Akademiker, Verwaltungsbeamte willkommene Arbeitskräfte im unterentwickelten Brandenburg. Ende des 17. Jahrhunderts war jeder fünfte Einwohner im Berliner Raum französischer Abstammung, so auch der Urahne meines Bekannten Detlef Deleuvant. Während dieser nicht einmal dann seinem Namen einen französischen Klang zu geben vermag, wenn er sich mit einer Wäscheklammer die Nase zuhält, war jener ein echter Franzose, stolz auf seine Sprache und Kultur, die er auch am kurfürstlichen Hofe gepflegt sah. Mit Mißmut allerdings betrachtete er seinen Freund und Kaufmann Henri Marchand, der seine Waren in einem seiner Meinung nach furchtbaren Kauderwelsch anpries: „Bonjour meschers Messieurs! Kauff sick kut Savonet! Etuits, un schön Pomat von Wacks und renlick fett. Kauff Kauff, sick in die Zeit, so hab, sick in das Noth O Monsieur!"

Wenn auch bereits in der zweiten Generation der hugenottischen Einwanderer der Prozeß der Assimilation sich deutlich durchsetzt und schließlich Ende des 18. Jahrhunderts das Französische in der hugenottischen Gemeinde zur ‚lingua sacra’, zur Gottesdienstsprache absinkt, hat doch der starke kulturelle und sprachliche Einfluß der Hugenotten seinen breiten Niederschlag im Berliner Wortschatz gefunden

Aweck, Bredullje, Deez, Kinkerlitzken, Blak, Feez, Kleedage, schauderös, dusemang, Botten, Lamäng, Eau de Mief, Stampe, Schmierage

Berlin war immer Schmelztiegel verschiedenster ethnischer Gruppen und ist es heute noch. Neben den Franzosen haben insbesondere die Juden ihre Spuren im Berliner Wortschatz hinterlassen:

acheln, Moos[], Dalles, ausbaldowern, Geseier, Reibach, Tacheles, koscher, Bammel, Mischpoke, Schlamassel, mies

Aber auch das Englische: abrocken, beaten, dancen, hotten und Lateinische: pesen, Pulle, Jokusfinden sich im Wortschatz des Berliners. Nur wenige Worte wie Kiez, Luch, Lanke und die Ortsnamen auf -ow sind Zeugnisse der Slawen, die vom 7. – 12. Jahrhundert im Berliner Raum lebten. Deutlicher tritt das Niederdeutsche im Berlinischen zutage (Bolle, Deibel, Göre, grölen), das vom 13. bis ins 16. Jahrhundert in Berlin gesprochen und geschrieben wurde. Der Einfluß der obersächsischen Umgangssprache und ostmitteldeutschen Schriftsprache im 16. Jahrhundert zeigt sich in Wörtern wie Brieze oder schwoofen. Inwieweit das Türkische im Berliner Wortschatz verankert wird, ist noch nicht abzusehen. Man sollte skeptisch sein, aber das Kebap hat durchaus Chancen, der Bulette den Rang abzulaufen. Aber wie der Berliner sagt: Nischt Jenauet is nich raus.

Da wären wir nun am Ende der Vorspeise und erwarten gespannt das Menü. Wem beim Lesen oder ob des geistigen Appetits der Mund trocken geworden und deshalb nach einem erfrischenden Schlückchen zumute ist, der sollte nicht zögern, eine entsprechende Bestellung aufzugeben: „Herr Ober, ein Glas Schöneberger Bahndamm Nordseite 1983 und eine Flasche Leitungsheimer trocken und dann ..." – „Sofort Monsieur, ick bring Sie den Wein und die petites Chansonettenbrüstchen aussi, s’il vous plaît."

Index[] und Abkürzungen

Im Lexikon gibt es zwei Arten von Einträgen: Haupteinträge und Querverweise. Die Haupteinträge sind alphabetisch geordnet und fett gedruckt, Querverweise sind kursiv gedruckt und durch einen Pfeil (Ø) markiert. Hinter den Haupteinträgen stehen Hinweise zur Herkunft und zum Gebrauch. Die Hinweise sind in der Regel abgekürzt, wobei folgende Konventionen gelten:

adj. adjektivisch
adv. adverbial
ahd. althochdeutsch
alem. alemannisch
brandb. brandenburgisch
engl. englisch
frühnhd. frühneuhochdeutsch
frz. französisch
got. gotisch
gr. griechisch
hebr. hebräisch
ital. italienisch
jgdsprl. jugendsprachlich
jidd. jiddisch
lat. lateinisch
md. mitteldeutsch
mhd. mittelhochdeutsch
mnd. mittelniederdeutsch
mnl. mittelniederländisch
nd. niederdeutsch
nl. niederländisch
nordd. norddeutsch
obd. oberdeutsch
obs. obersächsisch
omd. ostmitteldeutsch
ostberl. ostberlinisch
ostf. ostfälisch
ostpr. ostpreußisch
poln. polnisch
rhein. rheinisch
rotwelsch rotwelsch
schülspl. schülersprachlich
slaw. slawisch
sorb. sorbisch
stud. studentensprachlich
umgs. umgangssprachlich
ung. ungarisch

Bei im Lexikon aufgenommenen Redewendungen ist das von der Bedeutung her zentrale Kernwort in die alphabetische Liste aufgenommen worden.

Obwohl es gegenüber der ersten Auflage eine strenge Aufteilung in Ost- und Westberlinisch nun nicht mehr gibt, werden in Ost-Berlin entstandene Wörter speziell durch (ostberl.) vermerkt, und zwar deshalb, weil ein Großteil dieser Wörter unter einer geschichtlich-politischen Perspektive interessant ist.

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Peter Schlobinski

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