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Drucken 10.12.2003   17:18 Uhr

Die alltägliche Verführung

"Ohne mein Handy fühle ich mich nackt"

Jeder redet überall und jederzeit mit jedem, die Kosten sind gewaltig — Warum junge Menschen zunehmend über ihre finanziellen Verhältnisse leben.
Von Harald Hordych

 

(SZ vom 11.12.2003) — Heute begreift Jeanette, 16, selbst nicht mehr, was da plötzlich in sie gefahren war. „Ich konnte einfach nicht anders“, sagt sie, wenn sie an ihren ersten Monat in München zurückdenkt. „Ich musste einfach telefonieren, telefonieren, telefonieren.“

Das Mädchen mit den langen blonden Haaren sitzt im Büro des Beratungslehrers der Berufsschule für Gesundheitsberufe in München, das Handy liegt auf dem Tisch neben ihr, griffbereit.

Es klingelt nicht während des Gesprächs, aber immer wieder nimmt Jeannette es in die Hand, schaut auf das Display und vergewissert sich, ob eine Nachricht eingegangen ist. „Ich muss es immer bei mir haben,“ sagt sie. Manchmal, wenn sie es am Morgen zu Hause vergessen hat, dreht sie noch kurz vor der Schule um und nimmt eine Dreiviertelstunde U-Bahn-Fahrt auf sich, um es zu holen. „Ich brauche es.“

Damals, im Februar, brauchte sie es so sehr, dass sie ein paar Tage lang Angst vor dem Postboten haben musste. Es war kein guter Februar. Ihr Vater hatte eine Arbeitsstelle in München angenommen, für die Familie blieb nur der Umzug aus Goslar ins ferne Bayern.

Jeanette empfand diese Veränderung als Katastrophe: Die Lehre als Kosmetik-Fachfrau konnte sie in München nicht fortsetzen, so entschied sie sich wohl oder übel für eine Ausbildung als Zahnarzthelferin. Noch schwerer wog die Trennung von ihrem Freund, mit dem sie damals schon ein Jahr zusammen war.

Intimer Begleiter

München, die große, fremde Stadt: Jeanette musste sich aussprechen, vertraute Stimmen hören. Sie musste den Kummer mit Worten und immer mehr Worten betäuben.

Jeanette musste telefonieren, Jeanette musste viele kurze Nachrichten verschicken, Short Messages, SMS. Sie musste es tagsüber tun und nachts auch. Warum nicht mit dem Handy, das der Vater ihr gegeben hatte? Sprich jetzt, zahle später!

Am Ende dieses ersten Monats in München hatte sich Jeanette für knapp 500 Euro ihren Kummer von der Seele geredet – und gesmst. Der Vater schnaubte vor Wut, bezahlte die Rechnung und schenkte ihr ein neues Handy, mit Prepaid-Karte: Zahl erst, sprich später! Ein Monat wie dieser Februar 2003 hat sich seitdem nicht mehr wiederholt.

Jeanette lehnt sich zurück und lächelt ein bisschen verlegen. Verstohlen schielt sie zu dem kleinen Gerät vor sich auf dem Tisch. Da erhellt sich ihr Gesicht und sie greift schnell danach: SMS-Post von ihrem Freund! Ein guter Tag.

Jeanettes Geschichte ist kein Einzelfall. Trotzdem, sie hat persönliche Erlebnisse geschildert und möchte daher, wie auch die anderen, die noch folgen werden, ihren Nachnamen nicht nennen. Für junge Menschen ist das Handy zu einem Kultobjekt geworden, zum intimen Begleiter in allen Lebenslagen. Viele geben dafür mehr Geld aus, als sie haben.

Jugendexperten und Sozialarbeiter sind längst alarmiert, denn der exzessive Gebrauch der Handys ist bei weitem nicht der einzige, aber einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Jugendliche in Deutschland immer häufiger Kredite aufnehmen, sobald es ihnen möglich ist. Und damit immer früher in die Nähe einer Schuldenspirale rücken, an deren Ende Pfändung oder Insolvenz stehen können.

Mittendrin im Konsumstrudel drehen sich Millionen musikdudelnde, fotografierende, filmende Handys. Wenn sich Jeanette mit ihrer Schulkameradin Yvonne über Mobiltelefone unterhält, sprechen Experten in Kommunikationstechnik miteinander.

Nabelschnur

Das bloße Nennen codierter Typenbezeichnungen reicht für ein beifälliges Nicken oder abfälliges Gekicher: „Mein erstes war ein C25“, sagt Jeanette. „Was? Aber doch nicht das Teil mit dem einzeiligen Display?“, entgegnet Yvonne. Mit Mühe vermeiden die beiden einen Lachkrampf: Nur eine Zeile im Display, das ist für Jeanette und Yvonne wie ein Auto, das nur 30 Kilometer schnell ist. Kommunikation im Steinzeitalter.

Genau so wie für 27 andere hier an der Berufsschule für Gesundheitsberufe an der Dachauerstraße in München: Arzt- und Zahnarzthelferinnen, pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte, lauter junge Frauen bis auf einen jungen Mann, der hartnäckig schweigt. Sie sprechen gerade über das Handy, im Religionsunterricht.

Jede der jungen Frauen besitzt mindestens eins. Abgeklärt erörtern sie den praktischen Nutzen, die größtmögliche Erreichbarkeit. All die guten Gründe eben, warum Eltern sich breitschlagen lassen, ihren Kindern Handys in die Hand geben – Väter und Mütter nutzen das tragbare Telefon wie eine telekommunikative Nabelschnur.

Bis ihre Kinder irgendwann, wenn auf dem Display die Festnetznummer von Mama und Papa aufleuchtet, das Gespräch nicht mehr annehmen, um später zu sagen: Du, Mutti, ich hab das Klingeln leider nicht gehört.

Über kurz oder lang entdecken Jugendliche das Handy als Quelle eines aufregenden Lebensgefühls. Als Generator einer permanenten Kommunikation, die keinen Aufschub und kein Warten mehr kennt, nur noch den Spaß, der aus der Überraschung erwächst, dem Unerwarteten, das sich hinter dem nächsten Anruf, der nächsten SMS verbirgt.

Anna, 17, kann kaum die Mittagspause abwarten, um ihre beste Freundin anzurufen und alles, wirklich alles zu erzählen, was sich an Aufregendem in der Praxis ereignet hat. „Nur so kann ich mich richtig entspannen.“ Dafür reicht kaum die Stunde Pausenzeit aus.

Doch Reden ist Silber, Smsen ist Gold. SMS-Nachrichten begeistern die Mädchen am meisten, als geniale Kombination von Brief und Telefonat. Sandra will möglichst exakt ausdrücken, was sie bewegt, wie in einem Brief.

Dann wartet sie begierig auf die Antwort, um wiederum bedächtig an der Replik zu arbeiten und so „ein richtig gutes Gespräch“ zu eröffnen. Die Antwort auf die Frage „Wie geht es dir jetzt?“ kommt nicht nach zwei Tagen, sondern sofort. Jetzt. Egal, wo man gerade ist, egal, was man gerade tut. Beim Zusammensein mit der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schulbank. Und gerade dort am liebsten, wo es eigentlich verboten ist.

„Dann fließen Tränen“

In der Münchner Schule für Gesundheitsberufe ist es grundsätzlich verboten, Handys zu benutzen. Das Verdikt auf dem Pausenhof durchzusetzen, haben die Lehrer längst aufgegeben.

Im Unterricht aber greifen sie durch, ein Verstoß wird mit Einzug des Geräts geahndet. „Das ist die Höchststrafe“, erzählt Vertrauenslehrer Gerhard Stoll. „Wenn ich ein Handy einziehe, fließen Tränen.“

Stoll könnte ein Buch mit den 100 besten Ausreden herausbringen, warum gerade auf dieses eine einbehaltene Handy nicht verzichtet werden kann; todkranke Verwandte, mit denen man in Kontakt bleiben müsse, würden darin eine wichtige Rolle spielen. „Ohne mein Handy fühle ich mich nackt“, sagt Melanie, 16. „Ich muss es immer bei mir haben, sonst fehlt mir etwas ganz Wichtiges.“

Einmal fragte Stoll Schülerinnen, worauf sie eher verzichten könnten: auf Sex oder aufs Handy. Die Mehrheit entschied sich für Sex. Ein Hilfsmittel, das lediglich Kommunikation ermöglichen soll, ist offenkundig dabei, unser Leben zu verändern.

Verspätungskultur

Beim Kulturanthropologischen Institut der Universität Frankfurt hat der Wissenschaftler Claudius Terkowsky beobachtet, dass die Pünktlichkeit, eine der deutschen Grundtugenden schlechthin, bereits ihre strenge Gültigkeit zu verlieren droht. „Unsere Verabredungskultur entwickelt sich zu einer Verspätungskultur.“

Wer einen Termin nicht halten kann, gibt über das Handy fortlaufend die Verspätungs-Zwischenstände durch und nimmt so das Treffen zumindest telefonisch vorweg, kommt also zu spät – und eigentlich doch nicht. Man steht ja immerzu in Kontakt. Unpünktlichkeit wird relativ.

Klingt das, als müsste sich irgendjemand Sorgen machen? Immerhin reden die Menschen mehr miteinander, und gerade die jungen tun es, ausgerechnet jene Generation, die sich doch angeblich nur noch hinter Computern und Fernsehgeräten verbarrikadiert. Sie reden und reden und reden, die Mädchen mehr als die Jungen, auch wenn es „oft nur Quatsch ist“, wie Jeannette lachend einwirft. Warum auch nicht.

Die Probleme liegen woanders. In dem Trugschluss beispielsweise, dass eine SMS im Vergleich zum normalen Telefonat günstig sei, weil sie nur 19 Cent kostet. Yvonne zum Beispiel schreibt im Monat schon mal 150 bis 200 Kurzmeldungen, eine SMS zieht ja stets die nächste und die übernächste nach sich.

Es gibt ein weiteres Problem, weil Jugendliche sich mit ihren Handys, wie mit einem superleistungsfähigen Spielzeug, ins Internet einklinken, immer neue Jingles und Logos herunterladen und dafür immer neue leistungsstärkere Geräte wollen. Gerade hat Yvonne ein neues Gerät bei Ebay ersteigert.

160 Euro hat es gekostet. Warum, sie hatte doch schon eins? Yvonne schaut belustigt über soviel Ahnungslosigkeit. Wieviel SMS kann ein Standard-Handy speichern? Fünf. Das neue Gerät schafft locker hundert, die in verschiedenen Ordnern abgelegt werden. Ordner Sprüche. Ordner Freund.

Rechtzeitig vor Weihnachten ist außerdem eine neue Generation von Computern im Nagelset-Format fertig mit hochauflösenden Kameras, Windows-Betriebssystem, großen Farbdisplays und anspruchsvollen Spielen, Gesamtpreis bis zu 800 Euro.

2170 Euro Schulden

Solche Top-Modelle bieten die Telefongesellschaften zu Spottpreisen an – wenn die Kunden einen neuen 24 Monate laufenden Vertrag unterzeichnen. Natürlich inklusive Grundgebühr. Dass sie schon einen Vertrag unterschrieben haben, interessiert viele junge Leute nicht.

Das große Problem mit Handys ist einfach, dass sie viel Geld kosten.
Das Institut für Jugendforschung in München, das dem Unternehmenbsberater Roland Berger gehört, ermittelte bei einer Befragung, dass bereits sechs Prozent der 13- bis 17-Jährigen Schulden haben, meist bei Eltern, Verwandten und Freunden. Von den 21- bis 24-Jährigen steht jeder Sechste in der Kreide, mit durchschnittlich 2170 Euro.

Dabei sind 20- bis 24-Jährige öfter als jede andere Altersgruppe nicht in der Lage, ihren Kreditverpflichtungen nachzukommen. Das hat die Schufa jetzt herausgefunden, die bundesweite Sammelstelle für Kreditverträge. 60 Millionen Handy-Verträge sind derzeit dort registriert.

Ein Fetisch, das ist das Handy für die Schul-Sozialarbeiterin Gisela Gfrörer längst geworden, ein Fetisch, dessen Finanzierung die Möglichkeiten junger Auszubildener schlichtweg übersteigt.

Verschuldung ist häufig ein Thema in ihren Beratungsstunden an der Münchner Berufsschule. Zwar kommen dabei Handy-Schulden kaum zur Sprache, aber in einer schillernden Konsumwelt, in der sie „den Standard“ halten wollen, sind sie für die jungen Menschen besonders verlockend, wie Gisela Gförer meint.

Die Folgen: „Immer mehr Auszubildende jobben zusätzlich neben ihrer Lehre, um mehr Geld zu haben, und kommen total erschöpft zur Arbeitsstelle. Oder sie schwänzen die Berufsschule und gehen nebenbei arbeiten.“

Das kostet schon mal die Lehrstelle. Schlimmstenfalls lassen Jugendliche einfach ihre Ausbildung sausen und nehmen einen besser bezahlten Job an, um ihre Schulden zu tilgen.

Bei einer Befragung von 15- bis 26-jährigen Auszubildenden durch die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes in München gab jeder vierte verschuldete Jugendliche an, er habe schon in Erwägung gezogen, deshalb die Lehre abzubrechen.

Nur noch Ratenmodelle

Simone Kern, beim DGB in Bayern für Jugend zuständig, redet sich leicht in Rage, wenn sie auf das Thema angesprochen wird. „Überall locken Ratenfinanzierungsmodelle. In manchen Unterhaltungselektronik-Katalogen stehen nur noch die Raten – nicht die vollen Preise.“

Das Erschreckendste aber ist für Simone Kern, dass die meisten jungen Leute denken, sie könnten die Schulden abtragen, wenn sie später mehr verdienen. Sie vergessen dabei nur, dass nicht nur ihr Einkommen wächst, sondern auch ihre Ansprüche – und damit ihre Ausgaben.

Yvonne glaubt, ihre Finanzen gut im Griff zu haben. 380 Euro verdient sie im zweiten Lehrjahr als Arzthelferin. Wenn sie an einem Wochenende zweimal ausgeht, sind 100 Euro weg.

Allein fürs Handy gehen manchmal 80 Euro drauf, auch wenn sie in Tarif-Fragen auf den Cent genau informiert ist. Aber die schwarzhaarige junge Frau mit der Kurzhaarfrisur ist auch sehr spontan.

Vor kurzem hat sie ohne Zögern für einen arbeitslosen Bekannten einen Ratenkaufvertrag über 100 Euro monatlich abgeschlossen. Der Mann brauchte ganz dringend eine Autostereoanlage für 1700 Euro.

Wenn er irgendwann seine Zahlungen an sie einstellen sollte, müsste Yvonne weiterzahlen. „Dann habe ich halt eine Autostereoanlage“, sagt sie. Nur ein eigenes Auto hat sie nicht.

Unlustig und unromantisch

Ob es junge Menschen wie Yvonne sind, an die der Bundesverband deutscher Banken denkt, wenn er fordert, das Fach „Wirtschaft“ an deutschen Schulen einzurichten? Das Wissen, wie unsere „wirtschaftsdominierte Gesellschaft“ funktioniert, sei zu schwach ausgebildet.

Um sich zurechtzufinden, brauche man Bewertungsmaßstäbe. Dazu liefert die Schufa die passende Fußnote: Je niedriger die Schulbildung ist, desto größer ist die Gefahr, sich finanziell zu übernehmen. Drei Millionen Haushalte in Deutschland gelten als überschuldet.

Aber wie unlustig klingt das doch – und wie unromantisch, wenn man 16 ist. Immer an die Folgen und immer nur ans Geld zu denken! Einmal haben Jeanette und ihr Freund gemeinsam den Vollmond angeschaut. Es war so eine wunderschöne sternenhelle Nacht, wie gemacht für Verliebte.

Sie lagen zwar nicht beieinander, sondern jeder in seinem Zimmer, nur durch eine Straße und doch um Welten getrennt. Aber das hat die beiden nicht gestört. Sie konnten sich ja die ganze Nacht lang SMS-Nachrichten schicken.



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